Ein Leben für die Genossenschaft

Kultur / 16.09.2022 • 16:30 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Oberlehrer, Bauer, Wirt und Kassengründer Wendelin Rädler um 1900.
Oberlehrer, Bauer, Wirt und Kassengründer Wendelin Rädler um 1900.

Genossenschaftliche Nutzung von Ressourcen war auch in unserem Land vor der Zeit der Industrialisierung gewohnte Praxis. Das betraf Wälder und Wiesen ebenso wie Alpen und Wasser. Es war an vorderster Stelle der schottische Aufklärer Adam Smith (1723-1790), der das Ende vorindustrieller Gemeinwirtschaft einläutete. Er vertrat die Ansicht, dass nur das Privateigentum zu wirklicher Leistung anreize und zur Steigerung der Produktivität führe. Gemeinschaftlicher Besitz dagegen lähme die Eigeninitiative und berge die Gefahr der Übernutzung und Vernachlässigung. Die weitgehende Teilung und Privatisierung der Gemeinflächen (Allmeinde) und der Wasserrechte war schließlich die Voraussetzung für die Industrialisierung. Gleichzeitig wurde damit dem ärmsten Teil der Dorfgemeinschaften eine Art Grundsicherung genommen. Folgen dieser Entwicklung waren die Verschuldung der Kleinbauern, eine verstärkte Auswanderung und eine teilweise Proletarisierung. Angesichts dieser Entwicklung gewann der verdrängte Genossenschaftsgedanke aber in unterschiedlicher Form wieder zunehmend an Attraktivität.

Wendelin Rädler kannte den kleinbäuerlichen Niedergang aus eigener Erfahrung. Seine Eltern hatten den verschuldeten Hof in Hirschbergsau in der Gemeinde Langen – hier war Rädler am 31. Oktober 1835 zur Welt gekommen – nicht mehr halten können und mussten sich als Arbeitskräfte in der Kennelbacher Fabrik verdingen. Auch für den jungen Wendelin, der sich als ausgezeichneter Schüler erwiesen hatte, begann mit zwölf Jahren der Ernst eines harten Arbeitslebens. Kennelbach hatte zu dieser Zeit in Thomas Ammann aus Düns einen Pfarrer mit besonderem Weitblick und Engagement. Er ermöglichte Rädler den Besuch der Bregenzer Präparandrie (Kurs für Lehrerbildung) und verschaffte ihm danach eine Hilfslehrerstelle in Kennelbach. Überhaupt wurde Pfarrer Ammann für den jungen Lehrer auch in den kommenden Jahren zu einer Art Mentor und beeinflusste Rädlers Weltanschauung nachhaltig.

Als Thomas Ammann 1866 mit eigenen finanziellen Mitteln das katholisch-konservative Volksblatt gründete, machte er Rädler gleich zum Korrespondenten für Kennelbach und Wolfurt. Das war eines der zahlreichen Ehrenämter, die Wendelin Rädler in den folgenden Jahrzehnten noch bekleiden sollte.

Lehrer verdienten wenig und in den Sommermonaten gar nichts. So musste sich Rädler wie andere Pädagogen auch mit Nebenverdiensten ein karges Zubrot verdienen. Er tat dies, indem er des Sommers als Vertreter für Teigwaren reiste, kalligrafische Dokumente anfertigte und sich ab 1865 nebenbei als Auswanderungsagent betätigte.

Angesichts der liberalen Gesetzgebung ab 1866 mobilisierten katholische Geistliche gegen die Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses in Politik, Gesetzgebung und Schulwesen. Nach süddeutschem Vorbild wurden deshalb katholische Vereine, Casinos genannt, gegründet. Hier wurden Vorträge im Sinne der Kirche gehalten, Broschüren und Zeitungen aufgelegt und allgemeine Bildung vermittelt. Die katholischen Casinos wurden zu Keimzellen des katholischen Kampfes gegen alle Erscheinungen der Moderne. Eines der ersten Casinos gründeten Pfarrer Ammann und „sein treuer Adjutant W. Rädler“ (Volksblatt) in Wolfurt, wo des engagierten Lehrers zukünftige Wirkungsstätte sein sollte. Hier übernahm er eine Lehrerstelle und hier heiratete er 1869 Katharina Schertler, die ein Haus und Anteile der väterlichen Ziegelei in die Ehe einbrachte. Die Verbindung dauerte aber nur 15 Jahre: Katharina Rädler starb 1884 nach der Geburt ihres achten Kindes. Vier davon erreichten das Erwachsenenalter. Bald danach heiratete der inzwischen zum Oberlehrer bestellte Rädler neuerlich, diesmal Anna Böhler aus Schwarzach, die ebenfalls nicht unbegütert war.

Seine soziale Mission verlor Wendelin Rädler trotz des persönlichen Aufstiegs nicht aus den Augen. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Kleinbauern blieb das Ziel, für das er seit der Lektüre des Buches „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“ unermüdlich kämpfte. Dem Autor Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) war es gelungen, mit seiner 1865 publizierten Arbeit eine genossenschaftliche Bewegung im gesamten deutschsprachigen Raum in Gang zu setzen. Wendelin Rädler wurde deren Bannerträger in Vorarlberg. Dabei stießen seine Initiativen anfangs auf mehrfachen Widerstand. Die dörflichen Geldverleiher sowie die städtischen Sparkassen fürchteten um ihr Geschäft, die Kleinbauern hatten Angst vor gemeinsamen Haftungen und andere Reformer wie Franz Michael Felder sahen in den Spar- und Darlehenskassen keinen wirklichen Ausweg aus der bäuerlichen Misere. Während Felder „das Volk rührig, nicht zu einem sparenden Philister machen“ wollte, sah Rädler im Sparen den zentralen Ansatz zur bäuerlichen Selbsthilfe. Und zwar sparen beim persönlichen Konsum, an Ressourcen und an Zeit. In zahlreichen Aufsätzen, in denen der Oberlehrer und Volkserzieher durchtönt, kämpfte Rädler gegen alle Formen der Verschwendung; gegen den Alkoholkonsum ebenso wie gegen undurchdachtes, unrationelles Wirtschaften. Diese Botschaft brachte er auch in Gedichtform an sein ländliches Publikum:

„Lauf nicht zum Trank und Spiele aus,

hast Zeitvertreib genug zu Haus!“

In den 1880er-Jahren reiste und wanderte Rädler durch das ganze Land und propagierte die genossenschaftliche Selbsthilfe nach der Idee von Raiffeisen. Konservative Landespolitiker wie Johann Kohler unterstützten ihn dabei. Aber erst nach der Flutkatastrophe 1888, in welcher der Rhein ganz Lustenau unter Wasser setzte, war die Zeit reif für gemeinsames Handeln. In Rädlers Präsenz und unter seiner Anleitung wurde hier nun der erste genossenschaftliche Spar- und Darlehenskassenverein gegründet. Das war die Initialzündung für zahlreiche weitere Gründungen unter Rädlers Patronanz. In seiner Heimatgemeinde Wolfurt wurde er zum ersten Kassen-Obmann gewählt. Bei seinem Tod im Jahr 1913 gab es im ganzen Land insgesamt 80 Kassen. Bei allen hatte Wendelin Rädler als Initiator und Geburtshelfer fungiert.

Als Rädler versuchte, den einzelnen örtlichen Kassen in einem Verband ein gemeinsames Dach zu geben, stieß er anfänglich vielerorts auf Skepsis. 1895 gelang es ihm, mit 18 Kassen den „Verband landwirtschaftlicher Genossenschaften“ zu gründen. Die meisten Kassen schlossen sich in den Folgejahren dem Verband an. Rädler führte die Verbandsgeschäfte, vertrat den Vorarlberger Verband im Vorstand des österreichischen Verbandes, wirkte als Revisor und gab seit 1897 eine Verbandszeitung heraus.

In den 1890er-Jahren galt das unermüdliche Engagement des Genossenschaftspioniers den Sennereigenossenschaften, „dem zweiten Lieblinge des Herrn Wendelin Rädler“, wie das Volksblatt leicht ironisch feststellte. Ihm war klar geworden, dass für die Besserstellung der Bauern auf die Produktion und den Absatz der landwirtschaftlichen Produkte ein stärkeres Augenmerk zu legen war. Eine mustergültige Neugründung, die auf Rädlers Initiative zustande kam, war die Molkerei Bregenz. Diese Genossenschaft zählte 1910 bereits 170 Mitglieder aus Bregenz, Hörbranz, Lochau, Rieden und Fluh und lieferte an die städtischen Konsumenten Frischmilch, Butter, Topfen und Rahm. Der angebotene Käse wurde in der zur Genossenschaft gehörenden Sennerei Hörbranz hergestellt. Rädler fungierte als Vorsitzender des Aufsichtsrats dieser größten landwirtschaftlichen Genossenschaft. Die Sennereien in einem Dachverband zusammenzuschließen, gelang ihm aber nicht.

Neben diesen umfangreichen gemeinwirtschaftlichen Tätigkeiten, die der tiefgläubige Katholik um Gotteslohn verrichtete, war Rädler auch für den Aufbau eines eigenen Unternehmens besorgt. Neben seiner Lehrtätigkeit führte die Familie eine Landwirtschaft und beteiligte sich Rädler immer stärker an der Ziegelei seiner Schwäger, die um eine Kalkbrennerei und Zementerei erweitert wurde. Mit dem Bau der Bregenzerwälderbahn setzte er sich vehement für eine leistungsfähige Brücke zwischen Kennelbach und Wolfurt ein. Es wurde die erste Betonbrücke über die Ach, der Zement wurde von der Firma Schertler geliefert, die schon bald sein Sohn August Rädler übernehmen und unter seinem Namen weiter ausbauen sollte. Auch beim Baumaterial dachte Rädler in größeren Kategorien. Zusammen mit den Gebrüdern Fritz aus Bings, den bedeutendsten Baumeistern des Landes und dem Bankier Heinrich Brettauer gründete Rädler 1905 die Lorünser Zementwerke, zu deren erstem Obmann er gewählt wurde.

Mit den beschriebenen Aktivitäten ist Rädlers Arbeitspensum nur teilweise erfasst. Er hatte zudem Funktionen in der Gemeindepolitik, gab Fortbildungskurse für Obstbau und Imkerei, vermittelte Stellplätze für Alpvieh, vertrat den Verband der handwerksmäßigen Gewerbe Vorarlbergs in Wien und fungierte im Alter auch noch als Wirt.

Öffentliches Engagement, lebenslange zähe Arbeit, Geschäftssinn und persönliche Anspruchslosigkeit bestimmten sein Leben; seine Stube war eine Schreibstube, in der Buchhaltungen und eine Zeitung gemacht wurden und zugleich ein Sitzungszimmer. Für die Familie kann nicht allzu viel Zeit geblieben sein. Als Wendelin Rädler im November 1913 starb, wurden nicht nur die Verdienste dieses rastlos tätigen Mannes und Raiffeisen-Pioniers öffentlich gewürdigt; in etlichen Gemeinden wurden aus Dankbarkeit Seelengottesdienste für den Kassengründer abgehalten. Eine Innsbrucker Zeitung bezeichnete den Verstorbenen als den „weitum bekannten Gründer der Raiffeisenkassenvereine in Vorarlberg.“

Die Kalkbrennerei an der Bregenzerach wurde zum Ausgangspunkt der späteren Baustofffirma August Rädler.
Die Kalkbrennerei an der Bregenzerach wurde zum Ausgangspunkt der späteren Baustofffirma August Rädler.
Die von Rädler 1897 gegründete Verbandszeitung wurde fast bis zu seinem Tod 1913 auch von ihm redigiert.
Die von Rädler 1897 gegründete Verbandszeitung wurde fast bis zu seinem Tod 1913 auch von ihm redigiert.
Nach der Errichtung der Achbrücke zwischen Kennelbach und Wolfurt und dem Bau der Bregenzerwälderbahnließ Rädler auf der Wolfurter Seite das GasthausWälderhof etablieren, um mit den Wälder Bauernund Kaufleuten in Kontakt zu kommen.
Nach der Errichtung der Achbrücke zwischen Kennelbach und Wolfurt und dem Bau der Bregenzerwälderbahn
ließ Rädler auf der Wolfurter Seite das Gasthaus
Wälderhof etablieren, um mit den Wälder Bauern
und Kaufleuten in Kontakt zu kommen.