Brechts Relevanz unterstrichen

Kultur / 18.09.2022 • 18:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ entstand um 1930, die Handlung führt nach Chicago Anfang des 20. Jahrhunderts, uraufgeführt wurde das Werk im Jahr 1959. LT/Sarah Mistura
„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ entstand um 1930, die Handlung führt nach Chicago Anfang des 20. Jahrhunderts, uraufgeführt wurde das Werk im Jahr 1959. LT/Sarah Mistura

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ als spannendes Unterrichtsstück am Landestheater.

Bregenz Die Inszenierung ist so was von geradlinig, um nicht zu sagen schlicht, dass sie schon wieder mutig erscheint. Die Arbeit von Michael Thalheimer am Wiener Burgtheater oder die vor ebenfalls etwa einem Jahrzehnt zu sehende schrille Umsetzung von Sebastian Baumgarten am Schauspielhaus Zürich noch in Erinnerung, wird man am Vorarlberger Landestheater, das die Spielzeit nun mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ eröffnete, mit Brecht-Unterricht konfrontiert. Diese Absicht bzw. das im Werk apostrophierte Lehrstück zu Mechanismen des Kapitalismus und der Ausbeutung erst gar nicht zu verschleiern, verhindert die Verstimmung. Offeriert wird der Text, den der Dramatiker um 1930 mit Hilfe von Elisabeth Hauptmann, Hermann Borchardt und Emil Burri verfasste und nicht die Aktualisierung oder Deutung der Agitation, die dem Werk etwas mehr unterstellt wird als sie sich zeigt.

Wesentliche Perspektive

Regisseurin Bérénice Hebenstreit kann davon ausgehen, dass das Theaterstück nicht zu den geläufigsten aus dem Brecht-Repertoire zählt. Die Politik in Deutschland hatte die Aufführung damals behindert, auch in Zürich, wo „Mutter Courage und ihre Kinder“ oder „Der gute Mensch von Sezuan“ nach Brechts Flucht vor den Nazis herauskam, wurde es nicht gespielt, die Uraufführung von „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ fand erst 1959 in Hamburg statt. Dass das Werk die Basis zur häufig zu sehenden „Courage“ bietet, lässt sich allemal erkennen und seine Stärke bezieht es nicht aus der im Kern stattfindenden Konfrontation von Begüterten und Mittellosen, sondern aus der Perspektive, die es mit der keiner Klasse zugehörenden jungen Frau einnimmt und die die Regie bei Beibehaltung der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterstreicht.

Hebenstreit unternimmt und erreicht damit viel, denn es steht wohl außer Frage, dass uns die in die Handlung verstrickte Wirtschaftstheorie und Sozialpolitik etwas angehen. Um die holzschnittartige Darstellung aufzuweichen, werden hier weder Bilder noch öfter zu sehende choreografische Aspekte darübergestülpt. Schon im etwas simplen Monolog, in dem Johanna dem Publikum die Relevanz erläutert, weil auch jene in den Sitzreihen ihre Existenz wohl zum Großteil durch Erwerbsarbeit sichern, wird deutlich, dass es an den Akteuren liegt, gehört zu werden. Was heißt, dass sich weder eine Überhöhung noch ein Heischen nach Betroffenheit zeigen soll. Vivienne Causemann spielt Johanna nicht als aufbegehrende Wüterin, sondern als beherzte junge Person, die mit dem Elend auf den Schlachthöfen von Chicago konfrontiert wird und sich trotz Warnungen ihrer Heilsarmeekollegen, die das als nicht gottgefällig erachten, nicht scheut, die Verursacher selbst anzusprechen. Die Tricks des Unternehmers Mauler beginnt sie zu durchschauen, nicht aber die Strategie der Streikwilligen. Ein kurzes Zögern nutzt den Unterdrückern, die die geschwächt Sterbende zur Heldin stilisieren. Mit dieser Sichtweise verweist Hebenstreit auf die betrübliche Tatsache, dass kluge Entschlossenheit oft weniger Anhänger findet, als die Rechtfertigung ungerechter Strukturen.

Mauler hat das groß gemacht und Jürgen Sarkiss tut gut daran, die Verwegenheit des Unternehmers erst gar nicht zu betonen, der seine Konkurrenten ausbootet und Mitleid heuchelt, wenn es seinem einzigen Ziel, nämlich der Gewinnmaximierung dient. Dass die weiteren Geschäftsleute sowie Arbeiter oft zu Karikaturen werden, sind Schwächen, die auch diese Inszenierung nicht zu überdecken vermag.

Kontinuität der Krisen

Im Gerüstbühnenbild von Mira König, das ein Oben und Unten zwar vorgibt, das Spiel dabei aber nie zu einer derart banalen Optik verkommen lässt, macht ein bestens singendes, in den Sprechpassagen aber nicht durchaus klar verständliches Ensemble (hier muss die Akustikabteilung des Theaters tätig werden) die Kontinuität kapitalistischer Krisen trotz sozialer Marktwirtschaft deutlich. Um sein System zu retten, schlägt Mauler Lohnkürzungen vor. Das wäre heutzutage nicht mehr so einfach, mit Steuergeldern Banken zu retten, ist allerdings gang und gäbe. Die Stückwahl hat somit etwas und wer Verweise zu Schillers „Jungfrau von Orleans“ suchen will, findet sie im diesbezüglich nicht gestrafften Text. Viel Applaus.

Die Vertreter der Arbeiter verschaffen sich hier nur schwer Gehör.
Die Vertreter der Arbeiter verschaffen sich hier nur schwer Gehör.

Nächste Aufführung am 20. September am Vorarlberger Landestheater in Bregenz und zahlreiche weitere: landestheater.org