In Lech war der Hass auf Besuch

Kultur / 25.09.2022 • 20:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Moderator Rainer Nowak und die Referentin Ingrid Vendrell Ferran.
Moderator Rainer Nowak und die Referentin Ingrid Vendrell Ferran.

Auch beim 25. Philosophicum gab es vier Tage hindurch interessante Vorträge und Diskussionen.

lech Konrad Paul Liesmann stellte in seinem Eröffnungsvortrag klar, um was es in den nächsten Tagen beim Philosophicum in Lech gehen würde: „Was ist Hass eigentlich für ein Gefühl, aus welchen Quellen speist es sich, was macht das Aggressive, Verletzende und Verstörende am Hass aus“, so der Philosoph.

Hass geht mit Feindschaft, Ablehnung, einem Ohnmachtsgefühl einher, oftmals nach vorangegangenen Demütigungen oder (psychischen) Verletzungen. Der Hass wendet sich von unten nach oben, Untergebene hassen Vorgesetzte, sozial Schwache vermeintliche Bonzen. Er ist destruktiv, zerstörerisch und nimmt die ganze Person in Besitz. Diejenigen, die hassen, fixieren sich negativ auf eine Person oder eine Personengruppe, untrennbar verbunden mit einem sadistischen Lustgewinn und dem Ziel der totalen Zerstörung des Gehassten. Der Hass benötigt jedoch nicht unbedingt einen Auslöser, eine Hasspersönlichkeit muss ihn nicht erlernen. Anders Breivik, der norwegische Amokläufer, soll bereits als Dreijähriger ein „Monster“ gewesen sein, beschrieb seine Mutter ihren Sohn. Maligner Narzissmus gilt als die Quelle des Hasses schlechthin, sie wurde bei 90 % der amerikanischen Serienkiller diagnostiziert. Der brillante Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe Reinhard Haller beschreibt den Hass als „eine primitive, kalte, auf Zerstörung ausgerichtete Emotion, einen Trieb zur Grausamkeit, eine dunkle Leidenschaft“. Das Wort „Hass“ gibt es nur in der Einzahl, es ist ein so starkes Gefühl, dass es die Mehrzahl nicht benötigt.

Hass und Liebe

Allerdings kann der Hass auch positive Aspekte haben: Beim Kampf gegen das Böse kann der Hass gerechtfertigt sein, beispielsweise beim Hass auf Hitler oder andere Tyrannen. Häufig wird vergessen, dass Hass die Kehrseite der Liebe ist. Beide Gefühle werden oft mit großer Intensität ausgelebt. Die Liebe ist allerdings weit vielfältiger als der Hass, sie blüht sowohl bei der romantischen als auch bei der Liebe zu der Familie oder den Freunden auf. Anders als beim Hass ist für Liebe kein Grund erforderlich – so zum Beispiel die Liebe der Eltern zu ihren Kindern.

Ähnliche Gefühle wie der Hass sind Zorn und Empörung, diese gelten aber als Rechtsgefühle, da sie aus einem Verstoß gegen eine verbindlich geltende Norm entstehen. Mit Zorn und Empörung wird Unrecht im Gefühl sanktioniert. Die Aggression scheint berechtigt, da diese nicht egoistischer Natur ist. Anerkannt wird sie jedoch nur dann, wenn die Vergeltung dem Normverstoß im Ausmaß angepasst erscheint. Die Verachtung wird im öffentlichen Diskurs oft übersehen bzw. verharmlost. Die Verächter stellen sich über den Verachteten. Mit der Verachtung geht zwar nicht immer Gewalt einher – anders als beim Hass, der stets mit einem Vernichtungsimpuls verbunden ist – aber der soziale Ausschluss kann zum „sozialen Tod“ führen. Und: Im Extremfall werden die Verachteten entmenschlicht und dann zu Opfern extremer Gewalt, zu finden bei Genoziden. Wenn es um gefährliche Gefühle geht, sollte die Verachtung nicht unterschätzt werden.

Empathie ist die Lösung

Wie kann man nun aber die Entstehung des Hasses verhindern? Haller: „Die Förderung der positiven Empathie in der Erziehung, in jeder Form der zwischenmenschlichen Begegnung, das Pflegen und Weiterentwickeln der Fähigkeit so zu fühlen, wie Du fühlst. Die Frage ist: Bräuchten wir zur Hassprävention nicht eine Art Empathie-Unterricht. Der Astrophysiker Stephen Hawkins bilanzierte zum Schluss seines Lebens: Das Überleben der Menschen hängt von der Rettung der Empathie ab, denn sie bringe den Menschen in einen ruhigen, friedlichen und hassfreien Zustand.“

Das Philosophicum Lech 2022 stand unter dem Motto „Hass“.Florian Lechner (3)
Das Philosophicum Lech 2022 stand unter dem Motto „Hass“.Florian Lechner (3)
Reinhard Haller, Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe.
Reinhard Haller, Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe.

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