Ein Paukenschlag zum Saisonstart

Kultur / 30.09.2022 • 19:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Grandioser Auftakt zu den Bregenzer Meisterkonzerten.
Grandioser Auftakt zu den Bregenzer Meisterkonzerten.

Das Aurora-Orchester aus London setzte manche Grundsätze des Konzertbetriebs außer Kraft.

BREGENZ. So richtig angefangen hat das erste Meisterkonzert der Saison erst, nachdem auf der zum Konzertsaal adaptierten Werkstattbühne als Ausweichquartier die Einleitung überstanden war, drei „Couperin-Studien“ des englischen Zeitgenossen Thomas Adès, undefinierbare, verschwommene Musik zwischen Fisch und Fleisch, die sich für viele im Publikum als verzichtbar erwies. Doch dann ging es Schlag auf Schlag, und das Londoner Top-
orchester „Aurora“ machte schließlich seinem Namen alle Ehre, ließ schon in der Abenddämmerung das Morgenrot aufleuchten und bescherte damit der renommierten Konzertreihe einen sensationellen Start.

„Symphonie fantastique“

Als erstes geht auf der Bühne ein Gewusel los, kaum dass der matte Applaus nach Adès verebbt ist. Fast jede und jeder der 50 Musiker um die 30, die Jüngste erst 21, legt Hand an, entfernt mit Notenpulten und Sesseln demonstrativ alles, was nach konventionellen Gepflogenheiten riechen könnte. Damit hat auch der Letzte im Saal kapiert, dass damit gewisse Grundsätze des Konzertbetriebs auf den Kopf gestellt werden. Aurora spielt ab jetzt nicht nur stehend, sondern auch komplett auswendig 60 Minuten am Stück, ein so komplex gestricktes Gefüge wie Hector Berlioz‘ fünfsätzige „Symphonie fantastique“. Man will es kaum glauben, dass ein solches Hasardstück nicht nur glänzend pannenfrei und in höchster Präzision gelingt, sondern letztlich auch zum Triumph einer kollektiven Gedächtnis- und Gemeinschaftsleistung wird. Chapeau! Mehr noch: Die neue Freiheit vom Blick auf die Noten gewährt den Musikern einen viel direkteren, intensiven Kontakt zum Dirigenten, dem jungen, quirligen Nicholas Collon, der natürlich seinerseits auswendig alle wichtigen Einsätze abruft, Konturen schärft und diesem fantastischen großen Traumgemälde seine wahre Größe verleiht. Neben der geistigen bleibt auch die körperliche Schwerelosigkeit, die etwa die Streicher stellenweise zum direkten Spiel ins Publikum animiert, mit groß geschwungenen Bögen als einer Art Choreografie. Besondere Solisten wie die beiden Harfen, das Englischhorn oder vier Fagotte werden ins Zentrum gestellt, und trotzdem würde man dieser unglaublich engagierten Truppe unrecht tun, sie als bloßes Showorchester abzutun. Alles hat seinen logischen Hintergrund und ist trotzdem höchst amüsant zu erleben. So viel Orchesterbrillanz, Bravour und Virtuosität auf einem Fleck, so viel farbenfrohe Leidenschaft der Streicher und explosive Kraftentfaltung in schmetternden Blechfanfaren wecken sogar in dieser oft geschmähten Programmmusik pure Begeisterung. Der „Ball“ ist hier noch eleganter, der „Gang zum Richtplatz“ geht unter die Haut, endlich das Finale bringt die Erlösung. Das Auditorium erwacht wie aus einem Traum, spendet Standing Ovations. Ein Meisterkonzert, das diesen Namen absolut verdient hat! JU

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 18. November, 18 / 21 Uhr, Werkstattbühne (Orchestre des Champs-Élysées, Dir. Philippe Herreweghe, Solistin Isabelle Faust, Violine)

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