Wohnungen für 100.000 Menschen

Kultur / 11.11.2022 • 19:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Siedlung an der Ach in Bregenz ist eine große Fußgängerzone, erschlossen mit nur einer Straße.VN/Paulitsch
Die Siedlung an der Ach in Bregenz ist eine große Fußgängerzone, erschlossen mit nur einer Straße.VN/Paulitsch

Gunter Wratzfeld – Publizistischer Rückblick auf ein beeindruckendes Lebenswerk.

Dornbirn Gunter Wratzfeld, geboren 1939 in Bregenz, absolvierte zunächst eine handwerkliche Lehre für Maurer und Zimmermann, bevor er nach der Matura an der HTL-Innsbruck an die Akademie der bildenden Künste wechselte. Seit dem Abschluss seines Architekturstudiums kann Wratzfeld auf ein reichhaltiges Schaffen zurückblicken. In der Publikation „Architektur als soziales Handeln am Beispiel Gunter Wratzfeld“ werden 50 Objekte des Ausnahmearchitekten vorgestellt, herausgegeben und kommentiert von der Kunsthistorikerin Karin Mack. 150 Farbfotos, Grundrisse und Schnitte geben eine Vorstellung von der Originalität seiner Entwürfe und Formensprache. Das Buch bietet interessante Einblicke in seine Bautätigkeiten in Vorarlberg, Wien, Stuttgart und Afrika. Textbeiträgen von Bettina Götz, Richard Manahl, Andreas Cukro­wicz, Robert Fabach, Karin Mack und Erich Steinmayr runden den Band ab.

Eine einzige Fußgängerzone

Rückblickend sei von den vielen Projekten, die er in den 60 Jahren seines Berufslebens geplant hat, die Siedlung an der Ach sein interessantestes. Für Wratzfeld war es besonders wichtig, die gesamte Siedlung als eine einzige Fußgängerzone zu planen. Es gibt keinerlei Binnenverkehr, die Häuser liegen an einer einzigen, damals schon bestehenden Straße. „Man muss sich nur vorstellen: Wenn die Achsiedlung mit ihren 3500 Einwohnern eine eigene Gemeinde wäre, wären umgelegt mehr als 50 % der Vorarlberger Gemeinden lediglich durch eine Straße und ein paar Tiefgaragen erschließbar. Der Bregenzer Bürgermeister Michael Ritsch erzählte mir kürzlich von einer Studie eines Hochschulinstituts, das beauftragt worden war, zu untersuchen, was man bei der Siedlung an der Ach besser machen könne. Sie haben vor Ort recherchiert und das Ergebnis war, dass sie keinerlei Fehler finden konnten. Alle Qualitäten, die man einer Siedlung anrechnen kann, sind vorhanden. Da die Siedlung selbst sehr groß ist und allein deswegen ihre Probleme hat, liegt in der Natur der Sache.“

Über alle Jahrzehnte hinweg legte Wratzfeld immer großen Wert darauf, auch bei anderen Projekten fußläufige Erschließung zu ermöglichen. „Einmal wurde ich von einer Mutter und ihrem Kind angesprochen, die meinte: ‚Schau, das ist der Architekt, der unsere Siedlung gemacht hat, in der du den ganzen Tag herumspringen kannst‘. Schade, dass viele Siedlungen diese Prämisse nicht erfüllen, es ist keine Schwierigkeit und kostet keinen Euro mehr.“

Lebenswerk

In Bregenz wohnen mehr als 10 % der Bürger in Wohnungen, die Gunter Wratzfeld gebaut hat. Insgesamt hat er mehr als 3000 Wohnungen geplant, 1500 in Vorarlberg, die andere Hälfte in Wien. Und so kommt die erstaunliche Summe von 100.000 Menschen zusammen, die in Wohnungen des Vorarlbergers leben. Besonderes Augenmerk legte er stets auf sozialen Wohnbau sowie das verdichtete Bauen in Reihenhaussiedlungen. Weitere wichtige Projekte des Architekten waren die Polizeidirektion in Bregenz, die Kindergärten Weiler und Koblach, Bauten für das AMS Bregenz und Wien-Laxenburgerstraße sowie die Rotkreuz-Rettungszentralen in Bludenz und Feldkirch.

Ein Lebenswerk, auf das Gunter Wratzfeld, der noch immer als Architekt tätig ist, zu Recht stolz sein darf.

„Da die Siedlung sehr groß ist, hat sie allein deswegen schon ihre Probleme, das liegt in der Natur der Sache.“

In der Publikation „Architektur als soziales Handeln am Beispiel Gunter Wratzfeld“ werden 50 Objekte vorgestellt.
In der Publikation „Architektur als soziales Handeln am Beispiel Gunter Wratzfeld“ werden 50 Objekte vorgestellt.
Das erste von Gunter Wratzfeld geplante Haus aus dem Jahr 1963 besticht durch zeitlose Schönheit.
Das erste von Gunter Wratzfeld geplante Haus aus dem Jahr 1963 besticht durch zeitlose Schönheit.

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