Brahms im Doppelpack

Kultur / 23.01.2023 • 18:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Bregenzer Meisterkonzerte standen am vergangenen Wochenende ganz im Zeichen von Brahms. Udo Mittelberger
Die Bregenzer Meisterkonzerte standen am vergangenen Wochenende ganz im Zeichen von Brahms. Udo Mittelberger

Einspringer Pablo Heras-Casada sorgte mit den Symphonikern für ein Klang­ereignis.

BREGENZ Es ist weit mehr als eine lieb gewordene Tradition, dieses winterliche Gastspiel der Wiener Symphoniker bei den Meisterkonzerten. Da manifestiert sich einfach die über Jahrzehnte gewachsene Verbundenheit der Stadt auch außerhalb der Festspielsaison mit ihrem „Orchestra in Residence“. Trotzdem gab es im Vorfeld des jüngsten Konzertes bei manchen Besuchern auch eine gewisse Verunsicherung über die Programmgestaltung. Zwei Brahms-Symphonien an einem Abend – ist das eine didaktische Herausforderung oder des Guten doch zu viel, wie zwei Schnitzel auf einem Teller? Andererseits ist es ein offenes Geheimnis, dass gerade das Bregenzer Publikum die Musik dieses Komponisten so sehr liebt wie kaum eine andere.

Wie der voll besetzte Saal mit einem jubelnden Publikum bewiesen hat, geht man als Veranstalter mit einer solchen Programmwahl jedenfalls kein Risiko ein. Denn mit den Symphonikern, denen die Tradition der Wiener Romantik als Standardrepertoire so vertraut ist wie das tägliche Brot, hat man dafür ja auch ein absolutes Spitzenorchester von höchster Kompetenz zur Verfügung. Daran änderte selbst der Theaterdonner um den zunächst für dieses Konzert vorgesehenen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada (45) nichts, denn der Einspringer ist keine Notlösung, sondern eine exzellente Neubesetzung.

Immerhin stand der 45-jähige Spanier Pablo Heras-Casada bereits bei den Wienern und Berlinern am Pult, erhält im Sommer bei „Parsifal“ erstmals seine Bayreuth-Weihen und zeigt auch mit den Symphonikern einen absolut vertrauten Umgang, kraftvoll zwingend in seinen Bewegungen, ideenreich und inspirierend in seinem Konzept für die Brahms-Symphonien Nr. 1 in c-Moll und Nr. 2 in D-Dur.

Eine Offenbarung

„Wahren Klang habe ich zum ersten Mal bei den Wiener Symphonikern erlebt, als sie Brahms’ Erste Sinfonie spielten. Ich dachte, meine Ohren würden explodieren. Es war tatsächlich eine Offenbarung.“ Es ist, als sei die Zeit seit diesem Zitat des großen Dirigenten Zubin Mehta (86) stehen geblieben, denn genau so war es auch hier: Der Klang macht die Musik, voll Wärme und Transparenz, auch bei Brahms nie zu dick aufgetragen. Die rund 70 Instrumente eines in Hochform musizierenden Toporchesters verschmelzen zu einer wunderbaren Mischung.

Da sticht mit seinem lupenreinen Violinsolo Konzertmeister Anton Sorokow (44) im Andante der Ersten heraus, das gewaltige Alphornsolo im vierten Satz hört man vermutlich bis Lindau. Dazu setzt der Dirigent klare Akzente und Kontraste, um die besonderen Charakteristika der beiden Werke differenziert herauszuarbeiten. Beethoven als gefürchtetes und unerreichbares Vorbild steht bei Brahms trotz aller Eigenständigkeit noch immer hörbar Pate, auch nach einer Nachdenkpause von 14 Jahren – die „Neunte“ in der strengen, oft schroffen Ersten Brahms, bei der die Pauke von Beginn an unerbittlich den Puls vorgibt, die „Pastorale“ Nr. 6 in der lieblichen, oft als melancholisch bezeichneten Zweiten von Brahms. Dort fließen die Melodien so frei, dass man darauf achten muss, nicht auf sie zu treten.

Ein solch unvergänglicher Ohrwurm ist auch der Ungarische Tanz Nr. 5 von Brahms, den die Symphoniker ihren treuen Bregenzer Freunden als Zugabe und Dank mit hinaus in die kalte Winternacht geben. Und wenn man sich seitens des Veranstalters noch entschließen könnte, im nächsten Jahr diesen ersten Brahms-Symphonien die weiteren beiden Nr. 3 und 4 folgen zu lassen, ergäbe sich daraus sogar ein kompletter Zyklus, gegen den dann wohl niemand mehr etwas einzuwenden hätte. JU

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 12. April, 19.30 Uhr, Festspielhaus, Le Concert des Nations, Leitung Jordi Savall (Werke von Händel, Gluck, Marais, Rameau)

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