Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Bregenz und der Dichter

Kultur / 05.05.2023 • 19:23 Uhr

Es ist eine alte Geschichte, die von mir alle Jahre wieder aufgerollt wird: das Verhältnis der Landeshauptstadt Bregenz zum wichtigsten literarischen, politischen und sozialen Kopf des Landes im 19. Jahrhundert, Franz Michael Felder (1839 – 1869), Bauer in Schoppernau. Die Straße, mit der Franz Michael Felder in Bregenz geehrt werden soll, heißt leider falsch, nämlich „Michl-Felder-Straße“. Und ich habe mir vorgenommen, so lange zwischen dem Todestag von Felder am 26. April und seinem Geburtstag am 13. Mai auf diesen Fehler aufmerksam zu machen, bis eine Richtigstellung erfolgt.

Nach der Kritik im vergangenen Jahr glaubte die Stadt, sich des Problems auf einfache Art entledigen zu können. Sie startete eine Umfrage bei den 66 Bewohnern dieser Straße, ob man wegen „ein paar Buchstaben“ nun eine Änderung des Straßennamens herbeiführen solle. In einem Brief von Bürgermeister Michael Ritsch hieß es: „Sie wohnen in einer Straße, die nach dem bekannten Bregenzerwälder Dichter Franz Michael Felder benannt ist. Eine Prüfung durch das Stadtarchiv hat ergeben, dass die Bezeichnung entgegen der aktuellen Beschilderung vor Ort (Michl-Felder-Straße) historisch korrekt ,Franz-Michael-Felder-Straße‘ lauten müsste.“ Ritsch verwies auf Folgen, die mit einer Richtigstellung verbunden wären, „vom Stadtplan über das Telefonbuch bis zur Visitenkarte“. 39 Personen – oder 59 Prozent – der Anrainer nahmen an der Befragung teil, 85 Prozent sprachen sich für die Beibehaltung des falschen Namens aus.

Das ist doch interessant: Da wohnt man in einer Straße und weiß, dass der Namensgeber der Straße auf den Hausnummern, zudem auch noch auf einer Stadtbusstation, falsch geschrieben ist. Das kümmert aber weder die Leute noch die Stadt, man besteht auf dem falschen Namen – weil alles andere mit Aufwand verbunden ist. Diesen Aufwand aber scheut man bei der Stadt und fragt nach, ob man denn nicht doch alles beim Alten und damit fehlerhaft belassen soll. Da stellt sich doch die Frage, ob man über richtig oder falsch entscheiden kann, wenn man weiß, was richtig ist. Kann man natürlich nicht – und eine Stadt hat verdammt noch mal die Pflicht und Schuldigkeit, den Namen eines großen Dichters richtig zu schreiben. Eine Stadt hat nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, sondern jenen des korrekten Handelns.

Immerhin: In Bregenz hat das Franz-Michael-Felder-Archiv, die wichtigste literaturwissenschaftliche Einrichtung des Landes ihren Sitz. In diesem Archiv werden Handschriften des großen Denkers bewahrt und immer wieder für wissenschaftliche Arbeiten wie Neuauflagen von Romanen und Erzählungen Felders herangezogen. Und ein paar Meter weiter schreibt man Felders Namen falsch an Straßen und Häusern. Eine Schande – auf die ich hinweisen werde, so lange das notwendig ist.

„Eine Stadt hat nicht den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, sondern jenen des korrekten Handelns.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.