Hilfsaktion Pro Vorarlberg

Es war ein Hilferuf aus Vorarlberg an die Schweiz, der jedoch ungehört blieb.
Bregenz Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg herrschte in Vorarlberg zu Jahresbeginn 1919 eine drückende wirtschaftliche Not. Zugleich war das politische Schicksal Deutschösterreichs während der laufenden Pariser Friedensverhandlungen ungewiss. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich in Vorarlberg eine starke Bewegung für einen Anschluss an die Schweizer Eidgenossenschaft.
Vom 14. Juni bis zum 9. August öffnet die Abtei Wettingen-Mehrerau erneut die Türen ihrer barocken Bibliothek für die zweite Sommerausstellung unter dem Titel „Hoi b’sundrig! Große Dinge – Kleine Dinge“. 28 Objekte aus sieben Jahrhunderten treten hier in einen poetischen Dialog über Sinn, Wandel und Zuschreibung. Besonders eindrucksvoll unter den Exponaten ist ein Plakat aus dem Jahr 1919. Es visualisiert den verzweifelten Wunsch Vorarlbergs nach Anschluss an die Schweiz und greift dabei tief in die Bildsprache religiöser, politischer und kultureller Allegorien.
Es stammt von Jules Courvoisier (1884–1936), einem Schweizer Maler und Grafiker, der sich in seinem Werk stilistisch zwischen religiösem Eklektizismus und politischer Bildpropaganda bewegte. Es ist nicht in Vorarlberg, sondern in der Schweiz entstanden und wurde für ein Publikum gedruckt, das 1919 aufgerufen war, sich mit dem von Wien vernachlässigten Bundesland zu solidarisieren. In der Hoffnung auf einen Beitritt zur Eidgenossenschaft stimmten damals 82 % der Vorarlberger Bevölkerung für Verhandlungen mit Bern – ein historischer Moment, dessen visuelles Echo bis heute kaum bekannt ist. Das ausgestellte Plakat ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare.
Im Zentrum des Hochformats kniet eine Frau in Walser Tracht, die Arme zum Himmel erhoben, der Blick bittend, aber nicht hoffnungslos. Sie wirkt wie eine Märtyrerin oder eine moderne Maria, jedoch ohne religiöse Insignien. Ihre beiden Kinder flankieren sie: ein Mädchen, das sich resigniert auf den Boden stützt, und ein Junge, der sein Gesicht unter der Hand verbirgt. Diese Figurengruppe steht stellvertretend für das leidende Vorarlberg – ohne Werkzeuge, ohne Schutz, allein auf kargem Boden.
Courvoisiers Bildsprache verknüpft historische Allegorie mit zeitgenössischem Realismus. Die Komposition zitiert die Ästhetik der „Marianne“ oder „Germania“, entwirft jedoch keine stolze Nationalfigur, sondern eine flehende, verletzliche Mutter. Der in giftige Morgenröte getauchte Horizont verweist auf eine ungewisse Zukunft. Im Gegensatz zur „Helvetia“, die Courvoisier fünf Jahre zuvor für die Landesausstellung 1914 schuf, sind hier keine militärischen Attribute oder Zeichen von Souveränität zu sehen. Diese Abwesenheit ist beredt.
Die Diskrepanz zwischen dem Text – „Eidgenossen, helft euren Brüdern in der Not!” – und dem Bild einer Mutter mit Kindern verweist auf die genderpolitische Asymmetrie der Zeit. Die Tatsache, dass die Schweiz das Frauenwahlrecht erst 1971 einführte, verleiht dem Plakat eine zusätzliche historische Tiefenschärfe.
Mit Pathos und Ambivalenz, zwischen Populismus und Gelehrsamkeit, transportiert Courvoisiers Werk die innere Zerrissenheit einer Region im Übergang. Es ist ein künstlerischer Hilferuf und ein visuelles Dokument europäischer Umbruchszeiten.