Olympischer Glamour in Nendeln

Marina Viotti gestaltete im Hagenhaus einen Abend voller stilistischer Vielseitigkeit.
Nendeln Selten ergibt sich die Gelegenheit, eine auf internationalen Opernbühnen gefeierte Stimme in einem so intimen Rahmen wie dem Peter-Kaiser-Konzertsaal zu hören, wo eine unmittelbare Nähe möglich wird. Marina Viotti, am Klavier begleitet von Todd Camburn, nutzte diesen Rahmen mit einer Souveränität, die aus reicher Bühnenerfahrung erwächst und zugleich eine besondere Unmittelbarkeit ermöglicht. Ihr Programm vertraute auf die Kunst der feinen Modellierung, auf die Durchlässigkeit zwischen Stilen, auf Zwischentöne und präzise gesetzte Kontraste.

Engagements an der Pariser Opéra, der Niederländischen Nationaloper und dem Opernhaus Zürich, dazu gefeierte Rollendebüts von Barcelona bis Rom, haben ihr Profil geschärft. Jene besondere Präsenz, die sie bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2024 in Paris zeigte, für die sie im Februar 2025 mit einem Grammy ausgezeichnet wurde, hat sie über die Opernwelt hinaus bekannt gemacht. Der Abend begann mit William Bolcoms satirischer Miniatur “Toothbrush”, die Viotti mit feinem Understatement und leicht ironischem Nachdruck formte, bevor sie mit Bizets “Près des remparts de Séville” aus Carmen unmittelbar in eine dramatische Sphäre wechselte. Gerade in diesem Nebeneinander bewies sie ihre Kunst des schnellen Stilwandels, führte die Linien kontrolliert und klar, modellierte Spannung mit körperlicher Präsenz, jedoch ohne jede opernhafte Überzeichnung.
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Mit Erik Saties “Je te veux” und „Ich lade gern“ aus der Fledermaus – eine Rolle, die sie derzeit am Opernhaus Zürich verkörpert – unterstrich sie ihre stimmliche Eleganz, ihre sichere Diktion und ihr Gespür für sprachliche Farbvaleurs, das in ihrer Interpretation stets leise, aber unverkennbar wirkt. In “Dos Gardenias”, einer Reminiszenz an den Buena Vista Social Club, gelang ihr der Wechsel in ein vollkommen anderes Idiom, das sie mit rhythmischer Gelöstheit und zugleich diszipliniertem Atembogen balancierte.

Julie Londons Cry Me a River und Weills Je ne t’aime pas ließen Viottis Fähigkeit hervortreten, das Kunstlied zwischen klassischem Timbre und jazznaher Flexibilität auszutarieren. Besonders in den gedämpften Passagen vertraute sie auf die Wirkung der Zurücknahme und zeigte eindrucksvolle Differenzierungskraft.

Offenbachs “Je t’adore, Brigand” und Brittens “Johnny” setzten tänzerisch geschärfte Akzente; Bolcoms “Black Max” geriet zu einem vokalen Kabinettstück, dessen morbider Humor und expressiver Tonfall Viotti sichtlich lagen. Mit der berühmten “Habanera” aus Carmen, Camille Saint-Saëns’ “Mon cœur s’ouvre à ta voix”, das sie trotz einer Erkältung mit bemerkenswerter Kontrolle und Wärme gestaltete, und Offenbachs ausgelassener Szene “Ah, quel dîner je viens de faire”, in der sie ihr darstellerisches und komödiantisches Talent mit spielerischer Brillanz entfaltete, weitete sie den Ausdrucksbogen zu jener vokalen Strahlkraft, die ihr Markenzeichen ist und zugleich erkennen ließ, dass sie nicht nur eine große Opernsängerin ist, sondern ebenso überzeugend und mitreißend als Chansonsängerin zu begeistern vermag.

Als Zugabe sang sie zunächst eine unter die Haut gehende Version von Jacques Brels “La chanson des vieux amants”, bevor der Abend mit einem gemeinsam gesungenen White Christmas ausklang. In der Summe dieser vielfältigen Stücke, vor allem aber in ihrer klugen, maßvollen und zugleich farbenreichen Interpretation, verschmolzen Oper, Lied, Jazz und Chanson zu einem Programm eigener Prägung. Dem Publikum im Hagenhaus Nendeln wurde ein Abend von stilistischer Vielseitigkeit und feinsinniger Gestaltung geschenkt.