Im Weltgarten des Spiels

Kultur / 02.01.2026 • 12:35 Uhr
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“Das Max Reinhardt Seminar. Im Weltgarten des Spiels 1928–1965” ist eine umfassende und chronologisch präzise Studie zur Geschichte der Schule. Hollitzer Verlag

Chronologisch präzise Studie zur Geschichte des Max Reinhardt Seminars.

Schwarzach Mit „Das Max Reinhardt Seminar. Im Weltgarten des Spiels 1928–1965“ legt Peter Roessler eine umfassende und chronologisch präzise Studie zur Geschichte einer der zentralen Ausbildungsstätten des deutschsprachigen Theaters vor. Das Buch verfolgt die Entwicklung des Seminars von seiner Gründung in der Ersten Republik über die Brüche des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus bis zur Phase der institutionellen Konsolidierung in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Roesslers Arbeit versteht sich dabei als historisches Panorama, das künstlerische Praxis, institutionelle Rahmenbedingungen und politische Zäsuren eng miteinander verknüpft.

Im Zentrum steht das Seminar als Ort des Unterrichts, der Inszenierung und der Auseinandersetzung mit Theater in wechselnden gesellschaftlichen Kontexten. Ausgehend von den programmatischen Anfängen unter Max Reinhardt zeichnet Roessler die Debatten um Lehrpläne, pädagogische Konzepte und ästhetische Zielsetzungen nach. Dabei werden Begriffe wie Imitation und Individualität, Freiheit und Disziplin als zentrale Spannungsfelder der Ausbildung sichtbar. Zugleich wird deutlich, wie sehr das Seminar von persönlichen Netzwerken, Rivalitäten und institutionellen Machtfragen geprägt war.

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Buches liegt auf der Zeit des Nationalsozialismus und den damit verbundenen Verwerfungen. Die Vertreibung und Verfolgung jüdischer Lehrender und Studierender, ihre Exilwege sowie die Umformung des Seminars unter den Bedingungen des NS-Kulturapparats werden dabei detailliert dokumentiert. Rößler vermeidet dabei pauschale Urteile und legt Wert auf Differenzierung: Anpassung, Opportunismus, Kontinuitäten und Brüche werden anhand konkreter Personen, Entscheidungen und Strukturen sichtbar gemacht. Auch die Rolle des Seminars im nationalsozialistischen Theaterbetrieb wird nüchtern und quellennah behandelt.

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Die Nachkriegsjahre werden nicht als radikaler Neubeginn dargestellt, sondern als Phase der Rekonstruktion, in der personelle Kontinuitäten, institutionelle Pragmatik und symbolische Rückgriffe auf den „Geist Reinhardts“ nebeneinander bestehen. Die Leitungsperioden von Hans Thimig, Oscar Deléglise, Helene Thimig und Hans Niederführ werden in ihren jeweiligen Akzenten, Konflikten und kulturpolitischen Rahmenbedingungen analysiert. Inszenierungen dienen dabei immer wieder als Kristallisationspunkte, an denen sich ästhetische, pädagogische und politische Fragen bündeln.

Besonders hervorzuheben ist der biografische Reichtum der Studie. Rößler entfaltet ein vielstimmiges Ensemble von Lehrenden und Studierenden – darunter Ernst Lothar, Maria Becker, Otto Tausig oder Helene Thimig –, deren individuelle Wege exemplarisch für größere historische Zusammenhänge stehen. Die umfangreichen Verzeichnisse aller Leitungen, Lehrenden und Studierenden seit 1928 verleihen dem Buch zudem den Charakter eines langfristigen Referenzwerks.

Insgesamt ist „Im Weltgarten des Spiels“ eine materialreiche, analytisch dichte und bewusst unspektakuläre Darstellung, die auf Dramatisierung verzichtet und stattdessen auf Genauigkeit, Kontextualisierung und historische Verantwortung setzt.