Gegensätze mit gemeinsamer Linie

Kultur / 16.01.2026 • 16:15 Uhr
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Cuarteto Casals sind Vera Martínez Mehner (Violine), Abel Tomàs (Violine), Cristina Brown (Viola) und Arnau Tomàs (Violoncello). Andreas Domjanic

Das Cuarteto Casals verband zwei Werke durch eine einheitliche interpretatorische Haltung.

Nendeln Im Hagenhaus in Nendeln präsentierte das Cuarteto Casals am Donnerstagabend ein Kammermusikkonzert von seltener Konzentration. Es wurde seinem Titel „Schattierungen” sowohl in der Werkauswahl als auch in der Interpretation gerecht. Zwei sehr unterschiedliche Werke bildeten die programmatische Klammer und verbanden eine Lesart, die nicht auf demonstrative Virtuosität, sondern auf analytische Durchdringung und strukturelle Klarheit abzielte.

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Mit Turina und Schubert zeigte das Cuarteto Casals eine Interpretation, die auf analytische Durchdringung setzte. Andreas Domjanic

Joaquín Turinas „La oración del torero“ erwies sich als geeigneter Einstieg. Das kurze Werk, das den Moment des Innehaltens des Toreros vor dem Gang in die Arena beschreibt, wurde vom Cuarteto Casals mit bemerkenswerter Zurückhaltung gestaltet. Anstatt den farbigen Reiz der andalusisch gefärbten Harmonik auszustellen, richtete das Ensemble den Fokus auf die Balance zwischen Bewegung und Stillstand. Die klangliche Durchhörbarkeit, mit der die Stimmen ineinandergriffen, verlieh der formalen Knappheit des Stücks zusätzliche Prägnanz. Jede Phrase wirkte präzise gesetzt, die kompositorische Ökonomie kam klar zur Geltung.

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Nach der Pause stand Franz Schuberts Streichquartett Nr. 15 in G-Dur auf dem Programm, ein Werk, das durch seine motivische Arbeit, formale Anlage und auffällige Kontraste selbst erfahrene Hörer regelmäßig herausfordert. Cuarteto Casals näherte sich der Partitur mit einer Klarheit, die den experimentellen Charakter des Werks freilegte, ohne ihn durch interpretatorische Zuspitzungen zu betonen. Bereits im ersten Satz wurde die permanente Verschiebung zwischen Ausdrucksdrang und Zurücknahme deutlich herausgearbeitet. Klangliche Verdichtung und strukturelle Offenheit wurden gleichwertig behandelt. Trotz aller Gegensätze bewahrte das Ensemble eine gemeinsame Linie und der Zusammenhang blieb jederzeit nachvollziehbar.

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Im Andante rückten die Musiker den scheinbar sanglichen Charakter der Musik in ein anderes Licht: Der Satz wurde als instabiler Zustand interpretiert, in dem sich hinter der Oberfläche kontinuierliche Reibung artikulierte. Die subtilen Klangverschiebungen, die kontrollierte Phrasierung und die aufeinander abgestimmte Dynamik verliehen dem Satz innere Spannung. Das Scherzo entwickelte eine kontinuierliche Motorik, deren rhythmische Prägnanz jeder Vorstellung von ländlicher Unbeschwertheit entgegenstand. Auch das Trio bot keine Entlastung, sondern erschien in seiner statischen Bewegung als bewusste Gegenfolie. Im Finale bündelten sich die zuvor eingeführten Elemente zu einem durchgängig strukturierten Satz, der den vorwärtsdrängenden Impuls der Musik betonte, ohne den übergeordneten Formverlauf dabei zu unterbrechen.

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Bemerkenswert an diesem Abend war die Fähigkeit des Cuarteto Casals, zwei Werke aus verschiedenen stilistischen und historischen Kontexten in ein gemeinsames interpretatorisches Spannungsfeld zu überführen. Turinas nach innen gewendete Klangsprache und Schuberts von Brüchen geprägte Quartettarchitektur erschienen als unterschiedliche Ausprägungen einer Haltung, die Fragilität und Instabilität nicht glättet, sondern bewusst macht. In der konzentrierten Atmosphäre des Raums wurde diese Haltung unmittelbar erfahrbar. Es war ein Konzert, das von innerer Logik sowie interpretatorischer Präzision getragen war.

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Das 1997 in Madrid gegründete und nach Pablo Casals benannte Cuarteto Casals zählt seit Jahren zu den maßgeblichen Streichquartetten der internationalen Kammermusikszene. Früh ausgezeichnet – unter anderem mit dem ersten Preis beim London International String Quartet Competition – entwickelte das Ensemble eine unverwechselbare Handschrift, die aus Präzision, klanglicher Wachheit und einer kompromisslosen Auseinandersetzung mit dem Notentext erwächst. Die Mitglieder des Cuarteto Casals sind Vera Martínez Mehner (Violine), Abel Tomàs (Violine), Cristina Brown (Viola) und Arnau Tomàs (Violoncello).

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