Chormusik zwischen Rückblick und Aufbruch

Kultur / 19.01.2026 • 11:09 Uhr
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Ein differenziert aufgebautes Programm mit geistlicher Musik aus fünf Jahrhunderten. Victor Marin

Der Stella-Chor und der Kammerchor Feldkirch präsentieren ein weit gespanntes Programm.

Feldkirch Schon der Titel des Abends, “O Radiant Dawn”, wies über das bloße Konzert hinaus. Was der Stella-Chor und der Kammerchor Feldkirch an diesem Jännerabend vorstellten, war weniger eine Abfolge einzelner Werke als ein bewusst gestalteter musikalischer Zusammenhang. Die Programmauswahl bewegte sich zwischen Rückblick und Ausblick, zwischen winterlicher Strenge und verhaltener Erwartung, und wurde mit großer Sorgfalt entfaltet.

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Jakob Peböck formte aus Stella-Chor und Kammerchor Feldkirch einen geschlossenen musikalischen Körper. Victor Marin

Den Auftakt bildete John Michael Trottas “Dies Irae”, ein zeitgenössisches Werk von klarer Kontur. Der Chor fand rasch zu einer konzentrierten, präzisen Klangsprache, die weniger auf dramatische Zuspitzung als auf strukturelle Nachvollziehbarkeit setzte. Trottas Musik gewann dadurch an Schärfe, ohne plakativ zu wirken. Dieser kontrollierte Zugriff erwies sich als tragfähige Grundhaltung für den weiteren Verlauf des Abends.

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Victor Marin

Mit Anton Bruckners “Christus factus est” öffnete sich der Raum zu einer anderen Zeitdimension. Die Chöre gestalteten die bekannten Steigerungen mit Geduld und Übersicht, ließen den Klang wachsen, ohne ihn zu forcieren. Überzeugend war dabei die Balance zwischen innerer Spannung und äußerer Zurückhaltung, die dem Werk seine kontemplative Wirkung beließ. Die Stimmen verbanden sich zu einem geschlossenen Ganzen, das nicht auf monumentale Wirkung zielte.

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Victor Marin

Einen zentralen Platz nahm Benjamin Brittens “A Ceremony of Carols” ein, aus dem mehrere Nummern in schlüssiger Dramaturgie ausgewählt wurden. In “Wolcum Yole” überzeugten die Solistinnen Anna Choi, Marianna Khudyk und Monique Vauti-Rienößl mit klar geführten Stimmen und sicherem Gespür für Text und Rhythmus. Die Harfe, gespielt von Vera Witt, verlieh dem Satz jene leichte Beweglichkeit, die Brittens Musik zwischen archaischer Schlichtheit und moderner Transparenz prägt.

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Victor Marin

Besonders stimmig geriet “Balulalow”, getragen von einer ruhigen Zurückgenommenheit, die nie ins Sentimentale abglitt. Guan-Hua Su, Sahori Miwa, Marianna Khudyk und Monique Vauti-Rienößl fanden zu einem ausgewogenen Ensembleklang, der Brittens feine Harmonik präzise herausarbeitete. Im anschließenden Interlude zeigte Janessa Embley an der Harfe ein ausgeprägtes Gespür für Klangfarbe und Form, ließ das Instrument wirken, ohne es in den Vordergrund zu rücken.

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Victor Marin

Mit Giovanni Pierluigi da Palestrinas “Sicut cervus” kehrte der Abend zur reinen Vokalkunst zurück. Hier überzeugten die Klarheit der Linienführung ebenso wie die ruhige Atemführung des Chors. Die Polyphonie entfaltete sich transparent und geschlossen, die Stimmen blieben jederzeit ausgewogen. Arthur Sullivans “The Long Day Closes” setzte dazu einen stillen Gegenpol, von schlichter Eleganz und verhaltener Melancholie getragen.

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Victor Marin

Ein weiterer Akzent gelang mit Vittoria Aleottis “Hor che la vaga aurora”, dessen feine Renaissance-Linien mit großer Genauigkeit ausgeformt wurden. Andrej Makors “O lux beata Trinitas” fügte sich als zeitgenössisches Werk organisch ins Programm ein und überzeugte durch klare Struktur und klangliche Ruhe.

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Victor Marin

Im letzten Teil kehrte Britten mit “This Little Babe” und “Spring Carol” zurück. Hier zeigten die Chöre ihre rhythmische Präzision und gestalterische Beweglichkeit. Astella Brenner an der Harfe setzte dabei klare Akzente, ohne die vokalen Linien zu überdecken. James Macmillans “O Radiant Dawn” bildete schließlich den programmatischen Kern des Abends: ein Werk von ruhiger Intensität, das Hoffnung nicht deklamiert, sondern schrittweise entfaltet. Hugo Alfvéns “Och Jungfrun hon går i ringen” beschloss das Konzert mit volksliedhafter Klarheit und warmer Klangfarbe.

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Victor Marin

Die musikalische Leitung von Jakob Peböck erwies sich als umsichtig und verbindend. Er formte aus den beteiligten Chören einen geschlossenen Klangkörper, der Präzision und Ausdruck in ein ausgewogenes Verhältnis brachte. O Radiant Dawn wurde so zu einem Konzert, das auf innere Stimmigkeit setzte und durch seine konsequente musikalische Haltung überzeugte.