Michael Köhlmeier: “Shakespeare würde genügen.”

Kultur / 13.02.2026 • 11:23 Uhr
Michael Köhlmeier:
Michael Köhlmeier: “Das Gute 53 Zuneigungen” Hanser, 304 Seiten.Martin Georg Wanko

Michael Köhlmeier im Gespräch über sein neues Werk „Das Gute 53 Zuneigungen”.

Schwarzach Von Shakespeare über seinen Onkel Gerhard bis zu Coco Chanel –Michael Köhlmeier lädt ein zu einer ganz persönlichen Reise. Mit „Das Gute 53 Zuneigungen” hat der Vorarlberger Schriftsteller sein neuestes Werk vorgelegt, das am 17. Februar veröffentlicht wird.

Sie können ohne Sprache nicht erzählen, schreiben Sie. Ein magischer Moment des Erzählens ist noch immer eine Lesung, dieses „Lagerfeuer“ lodert noch immer, oder?

Schön gesagt. Das ist ein Glück, ja.

Sie kommen immer wieder zur Erkenntnis, die Hölle sei interessanter als der Himmel, warum eigentlich?

Ich weiß davon nichts, niemand weiß etwas davon. Aber wir haben Bilder, Visionen von Künstlern. Man sollte die Visionen der Künstler ernst nehmen. In diesen Bildern geht’s in der Hölle sehr bunt zu, blutig bunt, brennend bunt, schreiend bunt. Rot dominiert. Der Himmel dagegen ist blassblau.

Shakespeare wird oft zitiert, auch sehen Sie ihn als wichtigsten Dichter. Woher diese Neigung?

Wenn ein entsetzliches Ereignis geschähe, das alle Bücher vernichtet, und nur Shakespeare bliebe übrig, es würde genügen, den Menschen zu rekonstruieren. Kein Dichter, kein Psychologe hat unsere Seele so tief ausgeleuchtet wie Shakespeare. Aus jeder Seite seines Werks gehe ich gestärkt hervor.

Schiller oder Goethe? Sie tendieren eher zu Goethe, wenn ich mich nicht irre? Ist Schiller einfach „zu brav“ oder doch zu unterschätzt?

Brav würde ich Schiller nicht nennen. Eher verblendet. Er will uns sagen, wie der Mensch sein soll. Er spricht zu unmündigen Schülern. Er ist ein Ideologe. Zugegeben, ein sehr eloquenter. Goethe zeigt uns, wie der Mensch ist. Das mag ich lieber. Schiller ist schwer, Goethe leicht.

Bedeutet es Ihnen etwas, wenn Menschen nach dem Lesen Ihrer Geschichten ins Grübeln kommen?

Ja, natürlich. Ich komme beim Schreiben ja auch ins Grübeln. Wir beide, Leser und Autor, lassen uns von der Sprache in den Gedanken tragen.

Freiheit, ein regelmäßiges Thema?

Vielleicht, weil es kein Feld gibt, auf dem wir so oft so bitter betrogen werden.

Michael Köhlmeier: "Shakespeare würde genügen."
“Es ist mir inzwischen gelungen, das Warten schön zu finden. Manchmal…”. apa/roland schlager

Entenhausen und Köhlmeier, immer sehr treffend: Entenhausen ist ein absolut schonungsloses Pflaster, wo wir Leser erschreckend wenig Mitleid zeigen – warum lieben wir es dennoch?

Vielleicht, weil wir uns in dieser Welt nicht entscheiden müssen. Es geht nur ums Geld, kein anderes, alternatives Weltbild existiert. Der Erfolgreichste ist der Gierige – Onkel Dagobert, der Erfolgloseste der, der die Gier nicht beherrscht – Onkel Donald.

Heilige sind meistens Narren – Narren allerdings selten Heilige. Wie wahr! Haben Sie sich schon einmal über den Hofnarr Gedanken gemacht?

O ja! Wieder liefert uns Shakespeare ein ewiges Vorbild: der Narr in „König Lear“. Der Narr muss ein Pragmatiker sein. Ich glaube, Hofnarren sind allesamt Atheisten. Sie können es sich nicht leisten, an etwas zu glauben.

Geduld ist ein Thema. Wie steht’s mit Ihrer Geduld?

Ich bessere mich auf diesem Gebiet. Es ist mir inzwischen gelungen, das Warten schön zu finden. Manchmal…

Ihre Texte zeugen von großer Belesenheit, diese kommt vom Lesen – wie viel lesen Sie am Tag?

Viel zu wenig. Wenn ich unsere Bibliothek betrachte und sehe, was ich davon alles noch nicht gelesen habe – mein Gott …

Wenn ich Ihren dunklen Freund lese, denke ich, dass der Tod eines der wenigen demokratischen, gleichmachenden Ereignisse ist, nach der Geburt. Sehen Sie das auch so?

 Ja.

 Haben Sie vor etwas Angst?

Zeig mir den, der keine hat.

 Schon überlegt, was auf Ihrem Grabstein stehen soll?

Das will ich unseren Kindern überlassen.

 Martin W. Wanko