Zwischen Gedichten, Nacht und Stille

Monika Helfer und Michael Köhlmeier im Gespräch über Gedichte, Nähe und das Unsagbare.
Bregenz Es war ein leiser, konzentrierter Abend am Donnertag im Theater Kosmos, an dem sich zeigte, wie nah sich Gespräch und Dichtung kommen können, ohne einander zu bedrängen oder erklären zu wollen. Die große Erzählerin Monika Helfer las Gedichte aus ihrem ersten Lyrikband. Michael Köhlmeier moderierte nicht im klassischen Sinn, sondern hörte zu, stellte Fragen, umkreiste Themen und lenkte das Gespräch immer wieder dorthin, wo Offenheit wichtiger war als Eindeutigkeit. „Gedichte heißen Gedichte, weil sie so verdichtet sind“, sagte Köhlmeier. „Man liest sie, liest sie noch einmal, vielleicht eine Stunde später wieder, am nächsten Tag erneut. Beim Vorlesen hingegen sind sie da und dann vorbei. Deshalb werden wir manche Gedichte zweimal lesen.“ Damit sich ein Wiedererkennen einstellt, damit man ihnen näherkommt.

Köhlmeier begann nicht mit einer These, sondern mit einer Beobachtung. Der Übergang zwischen Lyrik und Prosa sei bei Monika Helfer fließend, ihr Werk lasse sich kaum sauber trennen. Für ihre Prosa sei typisch, dass sie immer sehr nahe an der Lyrik gebaut sei, und für ihre Lyrik, dass sie die Nähe zur Prosa nie verliere. Zwischen beiden gebe es keinen Bruch, keine Grenze, nur eine Bewegung. Besonders deutlich werde das im wohl bekanntesten Buch der Autorin, „Die Bagage“. Der berühmte Anfang fordert dazu auf, ein Bild zu malen: ein Haus, eine Nacht, eine Frau, die Wäsche aufhängt, der Hof zwischen zwei Kirschbäumen. Würde man diesen Text isoliert lesen, käme niemand auf die Idee zu behaupten, es handle sich nicht um ein Gedicht.

Mit „Bitte schick mir eine Droge“ hat Monika Helfer ihren ersten Gedichtband vorgelegt. Es sind knappe Texte ohne Versform und ohne Firlefanz, aus dem Alltag in den Alltag hineingedichtet. “Schick mir drei Worte / Damit
Ein Gedicht / Aus mir herausspringt / Denk an ein Kalb / Erinner dich, wie es war / Als das Kälblein / Das erste Mal im Frühling / Über die Weide hüpfte / So als hätte es kein Ende in sich”.

Die Gedichte entstehen meist nachts. „Wenn ich nachts schreibe, bin ich weniger kontrolliert. Ich bin müde, nicht so kritisch, ich lasse Sätze entstehen, Satz um Satz. Erst später beginnt das Prüfen, das genaue Schauen auf jedes Wort. In der Nacht entsteht etwas, das am Tag vielleicht nicht möglich wäre.“ Die Anlässe für ein Gedicht seien unterschiedlich, manchmal gebe es einen Vorfall, etwas scheinbar Nebensächliches, das einem begegne und nachwirke. „Manchmal denkt man nur: Daraus könnte ein Gedicht werden. Es ist nicht so, dass ich mir vornehme, eines zu schreiben.“ Die Worte blieben hängen, kreisten im Kopf, tauchten immer wieder auf, bis sich irgendwann daraus ein Gedicht forme. Gedichte seien kein Produkt des Wollens, sondern etwas, das sich ereigne. Manche Texte gingen hinaus, andere blieben liegen. Sie unterscheide nicht streng zwischen wichtigen und unwichtigen Arbeiten. Was geschieht, geschieht. Diese Haltung wirkte nicht kokett, sondern konsequent und steht in deutlichem Kontrast zu den Mechaniken des literarischen Betriebs.
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Ein Wort fühlt sich richtig an, dann kommt das nächste hinzu. Am Ende steht eine bewusst fragile Ansammlung von Wörtern, die eine erstaunliche Dichte entfaltet. Es geht weniger um Verstehen als um Erfühlen. Während in Romanen das Wort oft zum Diener der Geschichte wird, rückt das Gedicht das Wort selbst wieder ins Zentrum. Liebesgedichte betrachteten Helfer und Köhlmeier mit Skepsis. Zu nah, zu viel Gefühl, zu wenig Distanz. Erst wenn man den Zustand der Verliebtheit beschreiben könne, ohne ihm ausgeliefert zu sein, entstehe Sprache mit Gewicht. Nicht das große Gefühl mache einen Text gut, sondern die Genauigkeit. Gedichte sind stimmungsabhängig, bei der Absenderin ebenso wie bei den Adressaten. Genau darin liegt ihr Reiz.
»Ich hab mich vor mir selber gefürchtet / Was meine Finger schreiben / Also hab ich auf die Straße geschaut / Wo ein Betrunkener zum Himmel johlte / Hab dann dein Licht auf dem / Schreibtisch gesucht.«