Wenn Farbe zu Musik wird

Kultur / 15.02.2026 • 13:01 Uhr
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Nach einer schweren Erkrankung entwickelte Matisse die Technik des „Malen mit der Schere”.Schirmer/Mosel Verlagsarchiv

Matisses spätes Meisterwerk „Jazz“ und das radikale Experiment des Malens mit der Schere

München „Jazz ist Rhythmus und Bedeutung“ – dieser programmatische Satz bringt auf den Punkt, was Henri Matisse mit seinem legendären Künstlerbuch „Jazz“ von 1947 geschaffen hat: ein komponiertes Werk, in dem Farbe, Form und Schrift zu einer vielstimmigen Partitur verschmelzen. Entstanden in einer existenziell schwierigen Lebensphase, markiert „Jazz“ den Beginn von Matisses Alterswerk. Nach einer schweren Krankheit, die es ihm kaum noch ermöglichte zu malen, entwickelte er die Technik der papiers découpés, das „Malen mit der Schere“, zu einer eigenständigen künstlerischen Sprache. Aus zuvor mit Gouache bemaltem Papier schnitt er Formen, die er frei arrangierte, ein Verfahren, das Zeichnung und Farbe nicht länger trennt, sondern ineinander überführt. „In die Farbe zeichnen“ nannte Matisse das. Der Pinsel wurde durch die Schere ersetzt, die Linie durch die geschnittene Kante und aus der physischen Einschränkung erwuchs eine radikale ästhetische Freiheit.

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Henri Matisse: “Jazz”, herausgegeben von Cathrin Klingsöhr-Leroy.Schirmer/Mosel Verlagsarchiv

Das Buch selbst besteht aus zwanzig Bildtafeln, die auf Scherenschnitten basieren, und denen kalligraphische Textseiten gegenübergestellt sind. Zirkusfiguren, Akrobaten, Ikarus, abstrakte Pflanzenformen oder das berühmte Herzmotiv entfalten eine Bildwelt, die zwischen Erinnerung und Mythos oszilliert. Doch die Motive sind nicht entscheidend. Entscheidend ist das chromatische Geschehen, der Dialog der Farben, ihre „simultanen Reaktionen“ und ihre rhythmische Abfolge. Matisse denkt in Klangwerten. Wie im Jazz entstehen Spannungen, Improvisationen und unerwartete Kontraste. Die Seitenfolge entwickelt eine Dynamik, die die Lesenden in einen visuellen Rhythmus hineinzieht.

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Schirmer/Mosel Verlagsarchiv

Bemerkenswert ist dabei die Rolle der Schrift. Matisse’ großformatige Texte, die mit der Rohrfeder aufgetragen wurden, wirken weniger wie erklärende Kommentare als vielmehr wie autonome Bildereignisse. Die dunkle Chinatinte bildet einen „schwarzen Kosmos“, der den Farbtafeln gegenübertritt. In seinen Notizen reflektiert Matisse über Kunst und Wirklichkeit, über Zufall und Intuition sowie die spirituelle Ausstrahlung des Bildes. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit dieser Essays verbirgt sich ein künstlerisches Testament. „Jazz“ ist Vermächtnis und Neubeginn zugleich.

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Schirmer/Mosel Verlagsarchiv

Der Titel verweist bewusst auf die Musik, die in Europa nach dem Ende des Nationalsozialismus wieder frei erklingen durfte. Jazz stand für Befreiung, für Emanzipation und für eine Kunstform jenseits starrer Regeln. Diese Assoziationen fließen in das Buch ein. Matisse knüpft an Eindrücke aus den Pariser Varietés der 1920er Jahre, an die Musik Sidney Bechets und den Tanz Josephine Bakers an. So wird Jazz zu einem Symbol eines neuen Lebensgefühls nach Krieg und Besatzung, zu einem farbigen Gegenentwurf zur Dunkelheit der Geschichte.

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Die nun vorliegende dreisprachige Ausgabe macht dieses Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts auf besondere Weise zugänglich. Neben der hochwertigen Reproduktion der Tafeln sind Matisses handschriftliche Texte transkribiert und ins Deutsche und Englische übersetzt. Cathrin Klingsöhr-Leroy zeichnet in ihrer Einführung die Entstehungsgeschichte präzise nach und verortet das Buch im Kontext von Matisses Spätwerk.