Erwin Wurm: Skulptur als Handlung

Wie Fotografie, Körper und Absurdität den klassischen Werkbegriff verschieben.
Dornbirn Das Flatz Museum widmet Erwin Wurm eine Ausstellung, die vier Jahrzehnte seines Schaffens konzentriert bündelt. Sichtbar wird eine konsequente Erweiterung des Skulpturenbegriffs – im Zentrum steht die Fotografie, nicht als Dokument, sondern als konstituierendes Element des Werks. Von frühen Rauminterventionen über Arbeiten wie The Private Version (1986) und Instruction for Idleness (2002) bis zu den berühmten One Minute Sculptures zeigt sich eine Entwicklung, die weniger von Brüchen als von zunehmender Präzision geprägt ist. Kuratiert wurde die Ausstellung von Gerald Matt.

Bereits die frühen bemalten Holzkonstruktionen bewegten sich zwischen Skulptur und Bildträger. Farbe fungierte hier nicht als Oberfläche, sondern als formbildendes Prinzip. Material, Raum und Bedeutung wurden nicht getrennt gedacht. Später erhob Wurm das Übersehene zum künstlerischen Material: Leere, Staub und bloße Wörter wurden zu Trägern einer ästhetischen Neubewertung. Auch die späteren, aus ihrem Kontext gelösten Formen folgen diesem Prinzip der Verschiebung. Vertrautes verliert seine Ordnung und erscheint in neuer Lesart.

Entscheidend für Wurms Werk ist die Rolle der Fotografie. Skulptur versteht er nicht als dauerhaftes Objekt im Raum, sondern als zeitlich begrenztes Ereignis – als Situation, Prozess, Handlung. In den One Minute Sculptures werden diese Überlegungen radikal umgesetzt: Menschen nehmen auf Anweisung des Künstlers mit Alltagsgegenständen unbequeme Posen ein. Für einen Moment entsteht eine Skulptur, gebunden an Körper und Zeit. Erst das Foto verleiht ihr Dauer. Es dokumentiert nicht – es ist das Werk.

Damit verschiebt Wurm die traditionelle Vorstellung von Skulptur grundlegend. Sie wird zur Situation, zum Prozess, zur Handlung. Zwischen Pose und Fotografie entsteht ein Spannungsfeld, das den erweiterten Skulpturenbegriff vollständig sichtbar macht. Die Ausstellung zeigt diese Entwicklung klar strukturiert – von frühen schwarz-weißen Arbeiten bis zu jüngeren Werken aus den Jahren 2019 und 2020. Konstant bleiben dabei zentrale Fragestellungen: das Verhältnis von Objekt und Mensch, von Präsenz und Abwesenheit, von Sichtbarkeit und Vorstellung.

Ein markantes Beispiel ist das Fat House, dessen aufgequollene Architektur jede Proportion verliert. Ähnlich verhält es sich mit dem Fat Car. Die Übersteigerung verweist auf eine Gesellschaft, die Wachstum und Überfluss zum Maßstab erhebt, bis sie an der eigenen Masse erstarrt. Was zunächst grotesk wirkt, erweist sich als präzise Beobachtung gesellschaftlicher Mechanismen.

Trotz aller konzeptuellen Strenge bleibt Humor ein wesentliches Mittel. Das Komische ist hier keine Pointe, sondern Erkenntnisinstrument. In Anlehnung an Becketts Satz aus Warten auf Godot wird das Lachen zur Form, existenzielle Unsicherheit auszuhalten. Der Körper steht dabei im Mittelpunkt: Er wird Material, Kleidung verschiebt Proportionen, Haltungen spiegeln soziale Erwartungen. Identität erscheint als fragile Konstruktion, jederzeit kippbar ins Absurde.

Wer sich intensiver mit seinem Schaffen befassen möchte, dem sei der Ausstellungskatalog Erwin Wurm. Die Retrospektive empfohlen. Anlässlich seines 70. Geburtstags zeigte die ALBERTINA MODERN erstmals eine umfassende Schau seines zwischen Skulptur, Zeichnung, Fotografie und Video changierenden Werks.

Der 320 Seiten starke Band mit Essays von Antonia Hoerschelmann und Konrad Paul Liessmann zeichnet die Hauptlinien nach und erschließt weniger bekannte Werkgruppen. So entsteht ein präzises Bild eines Künstlers, der die Paradoxien der Gegenwart nicht illustriert, sondern analysiert.
