Menschlichkeit kennt keine Grenzen

Kultur / 26.02.2026 • 14:44 Uhr
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„Jenseits der Grenze“ von und mit der großartigen Sabine Lorenz und dem Gitarristen Amin Asgari.Andreas Marte

Sabine Lorenz und Amin Asgari gestalten einen Abend über Verlust, Hoffnung und Würde.

Bregenz Es war ein stiller, nachdenklicher und zugleich aufrüttelnder Abend im Theater Kosmos. „Jenseits der Grenze“ hieß die musikalische Lesung mit Sabine Lorenz und dem Gitarristen Amin Asgari. Die Textkomposition von Monika Bauer und Sabine Lorenz ist das Ergebnis monatelanger Recherchen. Was dabei entstand, ist weder ein politisches Manifest noch eine geografische Vermessung der Welt, sondern eine poetische Annäherung an das, was Grenzen im Innersten bedeuten.

Wo verläuft eine Grenze? Auf Landkarten sind es Linien, gezogen mit Stift und Machtanspruch. Im Leben sind es Erfahrungen: Schmerz, Verlust, Flucht, Entwurzelung, Sehnsucht nach Würde und Nähe. Von Beginn an entschieden sich Bauer und Lorenz bewusst gegen nationale Zuschreibungen. Im Programm werden ausschließlich die Namen der Autorinnen und Autoren genannt. Die Herkunft tritt zurück, der Schmerz bleibt. Und er klingt, ob in Texten von Mahmud Darwish, Rose Ausländer, Bertolt Brecht oder Ales Šteger, immer wieder ähnlich. Grenzen trennen Staaten, nicht Gefühle.

Sabine Lorenz trägt diese Texte mit großer Präsenz und klanglicher Sicherheit vor, ohne zu dramatisieren oder zu beschwichtigen. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren arbeitet sie als Schauspielerin, Sprecherin und Regisseurin in der Schweiz, in Deutschland und Österreich. Man spürt ihre Erfahrung im Umgang mit Sprache ebenso wie ihre Sensibilität für Rhythmus und Atem. Sie lässt den Worten Raum. In Auszügen aus „Sag Schibbolet!“, in Darwishs „Der Pass“ oder in Brechts Überlegungen zur Bezeichnung „Emigranten“ entsteht ein dichtes Geflecht aus Stimmen, die sich nicht überlagern, sondern einander ergänzen. Besonders die fortlaufenden Teile von Štegers „Die Grenze in mir“ strukturieren den Abend wie wiederkehrende Markierungen eines inneren Weges.

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Dass dieser Weg kein leichter ist, verschweigt das Programm nicht. Wer sich mit Grenzen beschäftigt, stößt unweigerlich an eigene Grenzen. Es gibt eine Schwelle, wie viel Klage und Anklage man aussprechen kann. Und doch steht die Menschheit genau dort, nach all den Kriegen, Vertreibungen und dunklen Stunden ihrer Geschichte. Ohnmacht, Trauer und Erschöpfung sind spürbar, in den Texten ebenso wie zwischen den Zeilen. Das Ringen um Haltung und Hoffnung zieht sich wie ein leiser Grundton durch den Abend.

Amin Asgari antwortet darauf mit seiner Gitarre. Seit seinem zehnten Lebensjahr spielt er, zunächst im Popbereich, später mit Schwerpunkt auf klassischer Gitarre. Wettbewerbe im Iran und Konzertauftritte in Österreich, Deutschland, Liechtenstein und der Schweiz markieren wichtige Stationen seines Weges. Im Theater Kosmos setzt er musikalische Kontrapunkte. Stücke wie „September“ von Dimitri Lavrentiev, „Ballett“ von Manuel Ponce oder „Sunflower“ entfalten keine vordergründige Virtuosität, sondern schaffen Zwischenräume. Die Musik trägt dort, wo Worte verharren, sie öffnet einen Atem, wenn die Texte schwer werden.

Besonders eindrücklich sind jene Momente, in denen sich Literatur und Musik beinahe ineinander verschränken, etwa bei Ungarettis „In Memoriam“ oder Ausländers „Unendlich“. Am Ende stehen Darwishs „Der Frieden“ und das persische Lied „Soltane Ghalbha“, das Asgari singt und spielt. Ein Moment, in dem geografische Ferne an Bedeutung verliert.

„Menschlichkeit kennt keine Grenzen“ – dieser Gedanke durchzieht den Abend. Er wird nicht plakatiert, sondern erfahrbar gemacht. Wahre Menschlichkeit beginnt dort, wo wir im Anderen jenseits der Mauer uns selbst erkennen. Vielleicht ist es genau das, was bleibt: der Liebe und der Menschlichkeit Zeit zu geben, selbst wenn Müdigkeit und Zweifel spürbar sind. Das Theater Kosmos wurde an diesem Mittwochabend zu einem Ort, an dem diese Zeit für einen Moment erfahrbar war.