Archaische Wucht und feine Linien

Schubert und Honegger im Feldkircher Dom dank Chorakademie und Sinfonietta eindrucksvoll vereint.
Feldkirch Der Feldkircher Dom St. Nikolaus erwies sich am Sonntag als idealer Resonanzraum für ein Werk, das zwischen archaischer Wucht und kammermusikalischer Feingliedrigkeit oszilliert. Die Chorakademie Vorarlberg und die Sinfonietta Vorarlberg widmeten sich in der Originalfassung für kleines Instrumentalensemble Arthur Honeggers „König David“, eine Entscheidung, die der besonderen Akustik des Doms ebenso Rechnung trug wie dem Charakter dieser Partitur. Schon der Auftakt mit Franz Schuberts Vertonung des 23. Psalms „Gott ist mein Hirt” D 706 ließ aufhorchen. Der vierstimmige Frauenchor der Chorakademie entfaltete jene helle, beinah entrückte Klangfarbe, die Schuberts im Jahr 1820 entstandenes Werk auszeichnet. Die Stimmen mischten sich homogen, ohne an Kontur zu verlieren, und trugen den Psalm mit schlichter Andacht durch das Kirchenschiff. Das eigens in den Dom transportierte Klavier begleitete mit feinem Gespür für Balance und Atem, sodass sich eine Atmosphäre ruhiger Sammlung einstellte.

Mit Honegger weitete sich der Horizont. Was 1921 als Auftragsarbeit für ein Freilichttheater im waadtländischen Mézières entstand, wurde rasch zu einem der eindrucksvollsten geistlichen Werke des 20. Jahrhunderts. In Feldkirch zeigte sich, warum. Die Reduktion des Chors auf unter 60 Sängerinnen und Sänger erwies sich als kluge Entscheidung. In der hervorragenden Akustik des Doms entfaltete selbst diese schlanke Besetzung eine erstaunliche Klangfülle und blieb dabei dennoch beweglich und differenziert. Für die Sinfonietta Vorarlberg bedeutete „König David” eine besondere Herausforderung, denn Honegger behandelt die Instrumente nicht als homogenen Klangkörper, sondern lässt sie solistisch hervortreten. Holz- und Blechbläser, Tasten- und Schlaginstrumente agierten mit wacher Präsenz und reagierten aufeinander wie in vielgestaltiger Kammermusik. Markante Blechbläserrufe in den kriegerischen Szenen standen neben transparenten, beinahe kargen Momenten der Klage. Gerade in diesen Kontrasten zeigte sich die Qualität des Ensembles: präzise Rhythmik, klare Artikulation und ein sensibles Gespür für dynamische Abstufungen.
Eindrucksvoller Präsenz
Der Chor übernahm die Rolle des kommentierenden Kollektivs mit beeindruckender Ausdruckskraft. Jubel, Warnung und Klage waren deutlich voneinander unterschieden, ohne ins Theatralische zu kippen. Besonders eindringlich gerieten die leisen Passagen, in denen sich die Stimmen zurücknahmen und eine dichte, konzentrierte Spannung entstand. Unter der Leitung von Markus Landerer, Domkapellmeister am Wiener Stephansdom, erhielt das vielgestaltige Werk eine klare dramaturgische Linie. Er hielt Solisten, Chor und Instrumentalisten souverän zusammen, formte Übergänge mit sicherer Hand und bewahrte stets den großen Bogen. Seine Interpretation verband strukturelle Klarheit mit dramatischer Intensität. Die Solistenriege fügte sich stimmig in das Gesamtbild ein. Simona Eisinger überzeugte mit einem lyrisch klaren Sopran, der mühelos über dem Ensemble schwebte und den innigen Momenten Leuchtkraft verlieh. Veronika Dünser gestaltete ihre Mezzo-Partien mit leidenschaftlicher Wärme und eindrucksvoller Präsenz. Gernot Heinrich brachte eine klare, fokussierte Tenorstimme ein, die sich durch Textverständlichkeit und sichere Linienführung auszeichnete.
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Eine tragende Rolle kam auch dem Sprecher Elias Reichert zu. Mit klarer Diktion und spürbarer Anteilnahme führte er durch die Episoden aus dem Leben Davids. Seine Rezitation verband erzählerische Spannung mit innerer Sammlung und schuf jene Klammer, die Honeggers 27 Nummern zu einem geschlossenen Ganzen verbindet. So wurde der Abend im Feldkircher Dom zu einer eindrucksvollen Begegnung mit einem Werk, das Macht, Schuld und Reue nicht als ferne Legende, sondern als zeitlose menschliche Erfahrung behandelt. Die Kombination aus konzentrierter Besetzung, kluger musikalischer Leitung und engagierten Mitwirkenden machte „König David” zu einem nachhaltigen Konzertereignis.