Kultur als Transformationskraft

Wie Kultur zu sozialer, ökologischer und demokratischer Nachhaltigkeit beiträgt.
Feldkirch Die Österreichische UNESCO-Kommission und die IG Kultur Vorarlberg luden am Montag, dem 2. März, zu einem öffentlichen Talk ins Theater am Saumarkt in Feldkirch ein. Unter dem Titel „Regenerative Kulturarbeit” wurde ein neuartiger Begriff diskutiert, der den Kern aktueller kulturpolitischer Debatten trifft.

Die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur sowie Information und Kommunikation, hebt seit Jahren die Rolle von Kunst und Kultur im nachhaltigen Entwicklungsprozess hervor. Die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) definieren globale Ziele für eine gerechte und lebenswerte Zukunft. Auffällig ist jedoch, dass es bislang kein eigenes Nachhaltigkeitsziel für Kunst und Kultur gibt. Genau hier setzt die Initiative zum „Missing SDG“ an. In der Post-2030-Agenda soll Kultur als eigenständiges Ziel verankert werden.

Dabei geht es nicht um symbolische Absichtserklärungen, sondern um konkrete Rahmenbedingungen. Welche Ressourcen werden benötigt? Welche politischen und strukturellen Voraussetzungen? Wie kann Kultur wirksam zu sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit beitragen? Mirjam Steinbock von der IG Kultur Vorarlberg brachte den Kern des Abends auf den Punkt: „Regenerative Kulturarbeit bedeutet für uns, Kultur nicht als dekorativen Zusatz zu verstehen, sondern als tragende Infrastruktur gesellschaftlicher Entwicklung. Sie wirkt verbindend, stabilisierend und erneuernd. Und sie schafft jene Räume, in denen Transformation überhaupt erst möglich wird.“

Regeneration meint dabei mehr als Erholung. Gemeint ist die Fähigkeit der Kulturarbeit, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten, Dialogräume zu eröffnen und kreative Antworten auf Krisen zu entwickeln. Soziokulturelle Zentren, Kulturvereine und Initiativen leisten diese Arbeit oft leise, aber kontinuierlich, durch niedrigschwellige Angebote, durch Teilhabe und durch Begegnung. Kulturlandesrätin Barbara Schöbi-Fink betonte die demokratische Dimension: „Eine lebendige Demokratie lebt davon, dass Menschen in den Diskurs treten. Dass sie Argumente austauschen. Dass sie Meinungen bilden und auch hinterfragen. Kunst und Kultur fördern diese Fähigkeit. Sie schaffen Reflexionsräume, in denen wir uns als Gesellschaft besser verstehen.“

Impulse lieferten an diesem Abend die Klimabotschafterin Lea Brückner, die kulturpolitische Sprecherin Daniela Koweindl, die Autorin Sarah Kuratle, der Musiker Andreas Paragioudakis, der Biosphärenpark-Manager Matthias Merta und die Kulturmanagerin Sabine Benzer. Sie beleuchteten die Frage aus unterschiedlichen Perspektiven von Klimagerechtigkeit über kulturelle Vielfalt bis zur konkreten Praxis vor Ort.

Sabine Benzer vom Theater am Saumarkt wies auf die tägliche Balancearbeit von Kulturinitiativen hin: „Einerseits verstehen wir uns als offener Ort für die Menschen vor Ort. Wir schaffen Räume – für Begegnung, für Austausch, für Themen, die die Gemeinschaft betreffen. Wenn wir etwa eine Veranstaltungsreihe für Seniorinnen und Senioren anbieten, dann geht es nicht primär um Honorare, sondern um Struktur, um Teilhabe, um soziale Einbindung. Es geht darum, etwas zu ermöglichen. Andererseits laden wir Künstlerinnen und Künstler ein, ihre Arbeiten hier zu zeigen. Das sind professionelle Formate, bei denen selbstverständlich klar ist, dass eine angemessene Bezahlung nötig ist. Diese beiden Bereiche müssen wir miteinander vereinbaren”.

Die Diskussion machte deutlich, dass Kulturarbeit alle Nachhaltigkeitsziele berührt – vom Klimaschutz über Geschlechtergerechtigkeit bis zur sozialen Kohäsion. Der Weltkulturbericht unterstreicht diese Rolle ausdrücklich: Ohne Schutz des kulturellen Erbes und ohne lebendige, kreative Ökosysteme lassen sich die komplexen Herausforderungen unserer Zeit nicht bewältigen. Der UNESCO-Talk in Feldkirch verstand sich daher nicht als Abschluss, sondern als Auftakt. Regenerative Kulturarbeit soll nicht nur beschrieben, sondern als kulturpolitischer Rahmen weiterentwickelt werden. Oder anders gesagt: Kultur ist kein Luxus. Sie ist Voraussetzung für eine resiliente, demokratische und nachhaltige Gesellschaft.