Perfektes Match

Kultur / 08.03.2026 • 13:52 Uhr
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Ein tolles Ensemble und ein beeindruckendes Gesamgtkunstwerk.Sarah Mistura

Silvia Salzmann brachte ihr interdisziplinäres Tanzprojekt „Perfect Match“ im vlm zur UA

Bregenz Im Jahr 2024 unterstützte das Gewaltschutzzentrum Vorarlberg insgesamt 1.110 von häuslicher Gewalt und/oder Stalking Betroffene, eine Steigerung von 6,4 % im Vergleich zum Vorjahr und im selben Jahr gab es in Vorarlberg 540 Betretungs- und Annäherungsverbote, auch dies eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um von 7,4 %, so Susanne Wallner vom Institut für Sozialdienste; die Zahlen von 2025 sind noch nicht veröffentlicht, dürften aber ebenfalls eine Steigerung erfahren. Dieses brennenden Themas nahm sich nun Silvia Salzmann in Zusammenarbeit mit dem ifs Gewaltpräventionsprojekt StoP, Nikola Furtenbach, an, und schuf damit nicht nur ein mehr als sehenswertes künstlerisches Projekt, sondern auch ein soziales Projekt.

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Sarah Mistura

Das Ganze findet in einem imaginären „Boxring“ statt, allerdings sind dessen Grundmasse nicht 6,1 auf 6,1 Meter (dieses Maß geht zurück auf die englische 20 Fuß), sondern fünf auf fünf Meter. Roland Adlassnigg hat dafür eine perfekte Bühne konzipiert: ein Schminktisch, der in einen Sessel verwandelt wird, ein Stuhl, der gleichsam wie ein „Wakouwa“, eine Drück- oder Wackelfigur, in sich zusammenfällt – großartig Silvia Salzmann, die in einer der unter die Haut gehenden Szenen des Stücks, wie der Stuhl auf dem sitzt, in sich zusammensinkt, einen körperlichen oder physischen Zusammenbruch erleidet. Nicht minder großartig ihr Tanzpartner Sebastien Kapps, der Silvia Salzmann nach allen Regeln der Kunst „umtänzelt“, dann aber mit aller Härte „zuschlägt“, er springt an ihr hoch, drückt sie nieder, trägt sie, schleift und zerrt sie durch den Raum: „Männlicher Klartext im Ring“.

Ein tolles Ensemble und ein beeindruckendes Gesamgtkunstwerk
Thomas Schiretz

Beindruckend für allem die großartigen Pas de Deux, toxische Dynamiken, „Kippmomente“ erster Güte, jene Momente, kurz bevor eine rote Linie überschritten wird bzw. kurz bevor der kritische Punkt erreicht wird. Das Umfeld wird immer mehr ausgeklammert, ob durch Polizei-Absperrbänder oder aneinander geknotete Strumpfhosen, die zum Zerreißen gespannt. Ein Bild für die Ewigkeit: Silvia Salzmann trägt ein bordeauxrotes Trikot über Kopf und Körper gespannt, während sie den Übergriffen „ihres“ Partners ausgesetzt ist: das Bild der vollendeten Marmorbüste „Puritas“ („Allegorie der Reinheit“, 1725) des Rokokokünstlers Antonio Corradini drängt sich auf. Genial auch die beiden Musiker, Perkussionist Amir Wahba und Cellist Carles Muñoz Camarero, ihre Musik begleitet nicht nur, sie ist wie die Bühne und die Choreografie Hauptbestandteil der Performance. Zum Schluss steigt Silvia Salzmann irgendwie ausgelaugt, aber nicht gänzlich geschlagen aus dem “Ring”. Hat sie das alles unbeschadet überstanden? Sie dreht sich nach allen Seiten, einzelne Personen aus dem Publikum stehen wortlos auf … stumme Zeugen der Anklage.

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Sarah Mistura

Allein der Titel „Perfect Match“ ist etwas irreführend. Ein „Perfect Match“ bezeichnet üblicherweise eine ideale Übereinstimmung, bei der zwei Komponenten, Person, Dinge etc. perfekt zueinanderpassen beziehungsweise optimal übereinstimmen. Es böten sich Termini wie „Thrilla“ oder „Rumble“ an (um in der Boxersprache zu bleiben und natürlich in Anlehnung an die legendärsten Boxkämpfe aller Zeiten: „The Thrilla in Manila“ und „The Rumble in the Jungle“), aber sei‘s drum. Das ist entbehrlich. Bleibt eigentlich nur noch mit Kafka zu sagen: „Auch du hast Waffen“. Die kräfteraubende Darbietung wurde vom Premierenpublikum mit Standing Ovations und viel Applaus bedacht. THS

Weitere Aufführungen

www.silviasalzmann.com oder www.vorarlbergmuseum.at/veranstaltungen

Ein tolles Ensemble udn ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk (Bildergalerie)
Ein tolles Ensemble udn ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk.