“Ein Schwanengesang” zwischen Glas und Beton

Schwäne, Visionen und große Gefühle. Ein leiser Abschied mit einem starken Thema an einem besonderen Ort.
FELDKIRCH Man geht am Montforthaus vorbei, blickt durch die große Glasfassade – und sieht meist nichts. Viel Raum, viel Transparenz, viel Architektur. Doch an diesem Premierenabend war alles anders. “Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge.” – die Jubiläumsproduktion zum 25-jährigen Bestehen des Walktanztheaters – verwandelte die nüchterne Fensterfront in eine vibrierende Sehnsuchtslandschaft.

Drinnen die Kunst – draußen die Stadt in einem Blickwinkel
Brigitte Walk hat Else Lasker-Schülers expressionistische Gedichte nicht illustriert, sondern in Bewegung übersetzt. Tanz, Gesang, Schauspiel, lebende Statuen, Licht – ein Gesamtkunstwerk, das Architektur nicht bespielt, sondern mit ihr in Dialog tritt. Die Glasfront wird Bühne und Membran zugleich: drinnen die Kunst, draußen die Stadt. Wer vorbeigeht, wird unweigerlich Teil des Geschehens.

Es ist ein Abend der großen Gefühle. Ein Feuerwerk aus Liebe, Verlangen und Verletzlichkeit. Schwäne gleiten durch den Raum – Sinnbilder ewiger Treue. Körper suchen einander, verschlingen sich, lösen sich wieder. Gleichgeschlechtliche Paare, Gruppenchoreografien, fragile Duette: Liebe erscheint hier nicht als Klischee, sondern als existenzielle Kraft. Und zugleich als Risiko.

Denn immer wieder kippt die Harmonie ins Animalische. Figuren werden zu Hasen, Käfern, Schmetterlingen, zu Wesen im Kleinformat. Als würde die Liebe, wenn sie verletzt wird, in eine archaische Form zurückfallen. Besonders eindringlich ein Bild: Ein Mann klammert sich an die Füße einer Frau, verliert buchstäblich den Boden unter sich. Abhängigkeit, Begehren, Scham – in wenigen Minuten verdichtet.

Die Herausforderung, Tanz und Lasker-Schülers radikale Sprache zu verbinden, ist spürbar – und größtenteils gelungen. Die Texte bleiben sperrig, poetisch, manchmal rätselhaft. Doch genau darin liegt ihre Kraft. Brigitte Walk vertraut darauf, dass nicht alles erklärt werden muss. Es entstehen Bilder, keine Antworten.

Getragen wird der Abend von einem hochkarätigen Ensemble. Marina Rützler, Fabian Huster, Kilian Haselbeck, Elenita Queiroz und Silvia Salzmann – Tänzerinnen und Tänzer mit internationaler Erfahrung, präzise, körperlich präsent, technisch auf höchstem Niveau. Dazu die Sängerin Jelena Dojčinović, deren Stimme die Gedichte wie ein feiner Faden durch den Raum zieht.
Und doch liegt über der Produktion ein melancholischer Unterton. Walk spricht offen vom Spardruck in der Kultur, von gekürzten Förderungen, von einer Zukunft, in der große freie Produktionen kaum mehr möglich sind. “Wir brauchen Öffnung. Die Herzen müssen wieder aufgehen”, sagt sie. Diese Inszenierung wirkt wie ein künstlerisches Manifest gegen das Schrumpfen – ein Plädoyer für Großzügigkeit.

Bemerkenswert ist auch der öffentliche Charakter des Formats. Kunst für alle. Wer draußen vorbeigeht, kann hineinsehen. Flüchtlinge, Menschen ohne Theaterhintergrund wirken mit. Es ist ein inklusiver Ansatz, der dem Titel gerecht wird: Mit offenen Augen Wirklichkeiten träumen.

Die Reaktionen im Publikum sind entsprechend vielschichtig. “Träume, Visionen – jeder sieht etwas anderes”, sagt ein Besucher. Eine andere spricht von “Glitzerstücken”, die bleiben. Genau das scheint das Ziel: kein geschlossenes Narrativ, sondern ein poetischer Raum, in dem jede und jeder eigene Bilder findet.


Ob es tatsächlich ein Abschied von großen Eigenproduktionen ist, wie Walk andeutet, bleibt offen. Als Jubiläumsproduktion jedenfalls ist “Schwanengesänge” ein starkes Zeichen: für die Freiheit der Kunst, für Sehnsucht als Widerstand – und für die Erkenntnis, dass Glasfassaden erst dann wirklich transparent werden, wenn sie mit Leben gefüllt sind.