Im Zeichen des Leoparden

Neue Arbeiten von Bianca Tschaikner verbinden Reise, Mythos und Erinnerung.
Bregenz In der Galerie Sylvia Janschek in Bregenz verbindet Bianca Tschaikner Reise und Imagination zu einem vielschichtigen Bildraum. Zwischen toskanischer Abgeschiedenheit und sizilianischer Pracht entfaltet sich ihre Ausstellung „Land des Leoparden“, die bis 24. April zu sehen ist. Gezeigt werden neue Arbeiten auf Papier aus Japan und Südkorea sowie Porzellanobjekte, die im Sommer 2024 in einem Olivenhain bei Palaia entstanden. Der Ort war so entlegen, dass selbst die Zustellung des empfindlichen Maulbeerbaumpapiers zur logistischen Herausforderung wurde.

Tschaikner, geboren 1985, lebt und arbeitet seit 2022 in einem eigenen Studio in Dornbirn. Ihr Weg führte sie von der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien über Mediengestaltung in Dornbirn und Santiago de Chile zur Druckgrafik nach Florenz und Betanzos, wo sie 2017 ihr Masterstudium in Illustration an der Accademia di Belle Arti in Macerata abschloss. Die Verbindung von Text und Bild prägt ihr Werk bis heute. Zeichnung, Druckgrafik, Keramik und Buchkunst greifen ineinander und werden von einem klaren narrativen Impuls getragen.

Reisen nach Japan, Pakistan, Indien, Indonesien oder in den Iran erweiterten ihren Horizont. Tschaikner interessiert sich für Mikrogeschichten, Mythologien und soziale Gefüge, insbesondere für matriarchale Lebenswelten. In ihren Arbeiten macht sie Atmosphären sichtbar, die oft am Rand des Wahrgenommenen liegen.

In der Toskana, im Dorf Toiano nahe Palaia, verdichtete sich diese Spurensuche. Die helle Hügellandschaft birgt eine dunkle Geschichte: In den 1940er Jahren wurde hier Elvira Orlandini ermordet, ein bis heute ungeklärtes Verbrechen. Toiano gilt als Geisterdorf, umrankt von Legenden. Tschaikner greift diese Erzählungen auf und zeigt Elvira als Wasserträgerin, als schattenhafte Figur in Ultramarin und Zinnober. Dokumentierte Geschichte und Fiktion überlagern sich.

Ein weiteres Motiv führt nach Florenz und von dort weiter nach Sizilien: der goldene Leopard. Ausgehend vom Logo der Marke Ortigia Sicilia reist Tschaikner in die Cappella Palatina in Palermo. In der Sala Ruggero sind zwei goldene Leoparden zu sehen, die durch einen Garten aus Dattelpalmen und Pfauen schreiten. Das fast tausendjährige Mosaik verbindet normannische Herrschaftssymbolik mit persischer Ornamentik.

In Tschaikners Arbeiten wird der Leopard zur Schlüsselfigur zwischen Geschichte und Gegenwart. Mit ihm erscheint die Palme als Verweis auf Sizilien. So entsteht ein imaginäres „Land des Leoparden“, das weniger geografisch als gedanklich zu verstehen ist. Recherche, Erinnerung und Erfindung verschränken sich darin zu einer Kartografie des Anderswo. Die Papierarbeiten werden durch Porzellanzylinder mit eingravierten, kreisförmig angelegten Erzählstrukturen ergänzt. „Land des Leoparden“ erweist sich somit als offene Spurensuche zwischen Geisterdorf, Mittelmeerraum und Vorstellungskraft.
