Bachs Himmel, Strawinskys Erde

Kultur / 16.03.2026 • 10:22 Uhr
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Marie Chouinard verbindet Bachs „Magnificat“ und Strawinskys „Le Sacre du printemps“.Sylvie-Ann Paré

Marie Chouinards Magnificat und The Rite of Spring als Auftakt in den Bregenzer Frühling.

Bregenz Es war ein Auftakt von seltener Konsequenz, mit dem Marie Chouinard und ihre Compagnie den Bregenzer Frühling am Samstagabend im Festspielhaus eröffneten. Zwei Werke, die auf den ersten Blick kaum gegensätzlicher sein könnten: Johann Sebastian Bachs „Magnificat“, der Inbegriff barocker Glaubensgewissheit, und Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“, ein musikalisches Erdbeben der Moderne. Doch gerade in dieser Konfrontation entfaltete der Abend seine innere Logik.

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Dominique Porte.Marie Chouinard

„Magnificat“ gerät bei Marie Chouinard nicht zur Illustration sakraler Musik oder bebilderten Theologie, sondern zu einer Studie über Aufrichtung, Hingabe und innere Sammlung. Die Tänzerinnen und Tänzer stehen oft frontal im Raum, die Arme geöffnet, die Körper gespannt wie Bögen. Aus klaren Linien entwickeln sich fließende Übergänge, aus symmetrischen Formationen lösen sich Soli, die den Blick bündeln. Es ist eine Choreografie der Konzentration. Nichts wirkt dekorativ oder gefällig. Jede Bewegung scheint aus einer Notwendigkeit heraus geboren.

Architektonische Atmosphäre

Dabei beeindruckt die Geschlossenheit des Ensembles. Chouinard arbeitet mit präzisen Gruppenbildern, die dennoch atmend bleiben. Das Kollektiv ist präsent, ohne das Individuum zu erdrücken. Immer wieder treten einzelne Tänzerinnen und Tänzer hervor, behaupten für einige Sekunden ihre Eigenständigkeit und fügen sich dann wieder in die Gemeinschaft ein. Dieses Wechselspiel verleiht dem Werk eine stille Spannung. Das Licht unterstützt diese Wirkung, modelliert die Körper plastisch und taucht die Bühne in eine klare, beinah architektonische Atmosphäre. Der sakrale Bezug bleibt spürbar, ohne jemals ins Pathetische zu kippen. Getanzt wurde zu einer Einspielung von Johann Sebastian Bachs „Magnificat“ unter der Leitung von Philippe Herreweghe.

Archaische Kraft der Partitur

Nach der Pause verändert sich der Raum spürbar. Mit „The Rite of Spring” beginnt ein neues Kapitel. Strawinskys eruptive Rhythmen treffen auf eine Choreografie, die die archaische Kraft der Partitur ernst nimmt, ohne sich in folkloristischen Mustern zu verlieren. Chouinard verzichtet auf das große Opferdrama und auf narrative Deutlichkeit. Sie zerlegt den Ritus in Zustände, in energetische Verdichtungen, in eine Abfolge von Soli und Gruppenkonstellationen. Diese erzählen weniger Geschichte, als dass sie existenzielle Erfahrungen sichtbar machen.

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Nicolas Ruel

Die Energie ist unmittelbar und mitunter roh. Körper schnellen in die Höhe, krümmen sich und verharren in angespannten Positionen, um im nächsten Moment wieder in Bewegung zu explodieren. Stampfende Schritte durchziehen den Raum, als würden sie den Boden ausloten. Tierhafte Anklänge sind erkennbar, bleiben jedoch Andeutung und werden nie plakatives Zitat. Es geht um Instinkt, um das Erleben von Kraft und den Moment, in dem das Leben als überwältigend erfahren wird.

„Le Sacre du printemps“

Besonders eindrucksvoll ist, wie Chouinard den Fokus verschiebt. Während viele „Sacre“-Versionen auf kollektive Wucht setzen, vertraut sie auf die individuelle Präsenz. Jedes Solo besitzt Eigengewicht. Jede Tänzerin, jeder Tänzer scheint für einen Augenblick zum Zentrum des Geschehens zu werden. Daraus entsteht eine Spannung, die nicht aus Massenszenen gespeist wird, sondern aus der Intensität des Einzelnen. Die Compagnie meistert diese Herausforderung mit bewundernswerter Präzision. Keine Bewegung wirkt zufällig, kein Übergang unentschlossen. Strawinskys „Le Sacre du printemps“ erklang in der berühmten Einspielung unter Pierre Boulez.

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Am Ende fügt sich der Doppelabend zu einem geschlossenen Statement. Zwischen Bachs Lobgesang und Strawinskys Erschütterung spannt Chouinard einen Bogen, der den Körper als Ort von Glaube und Grenzerfahrung begreift. Das Festspielhaus wurde an diesem Samstagabend zum Resonanzraum für beides.