Zwischen Zorn und Erlösung im Dom

Bachs „Johannespassion“ als eindringliches musikalisches Drama von großer Geschlossenheit.
Feldkirch Am Sonntagabend wurde der Dom St. Nikolaus in Feldkirch zum eindrucksvollen Schauplatz einer Aufführung: Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ erklang in einer Interpretation, die musikalische Strenge, geistliche Tiefe und dramatische Unmittelbarkeit auf überzeugende Weise verband. Unter der Leitung von Domkapellmeister Benjamin Lack entfaltete sich ein Konzert, das den ernsten Charakter des Werkes respektierte, ohne je in Schwere zu erstarren, und gerade dadurch seine erschütternde wie tröstliche Kraft voll zur Geltung brachte.
Schon in den einleitenden Takten zeigte sich, wie klug Lack dieses große Passionswerk angelegt hatte. Er vertraute auf die expressive Kraft der Musik selbst und führte das Ensemble mit sicherem Gespür für Spannungsbögen, Kontraste und Affekte. Dabei gelang ihm eine Lesart, die sowohl die dramatischen Zuspitzungen der Turba-Chöre als auch die innigen Momente der Arien und Choräle organisch miteinander verband. Nichts wirkte auf Effekt hin geformt, alles stand im Dienst des Textes und seiner musikalischen Ausdeutung.

Mit dem Barockorchester Concerto Stella Matutina hatte Lack dafür ideale Partner an seiner Seite. Die Musikerinnen und Musiker, die seit vielen Jahren als Spezialisten für historische Aufführungspraxis geschätzt werden, verliehen der Aufführung Klangtransparenz, rhythmische Schärfe und stilistische Eleganz. Die Streicher zeichneten die nervöse Unruhe der Passion ebenso fein nach wie ihre Momente stiller Versenkung. Die Bläser setzten immer wieder besondere Akzente mit farblicher Wärme und delikater Artikulation.
Capella St. Nikolaus
Auch die Capella St. Nikolaus erwies sich in der erweiterten Besetzung als große Stärke des Abends. Die Choräle entfalteten eine tragende Klangfülle, die sowohl dem Raum des Doms als auch dem geistlichen Kern des Werkes entsprach. Zugleich beeindruckte der Chor mit Präzision, Energie und deutlicher Sprachbehandlung. Insbesondere dort, wo das Kollektiv zur anklagenden, drängenden Masse wird, entstand eine beklemmende Intensität, die die zeitlose Aktualität von Bachs Musik erfahrbar machte.

Bei den Solistinnen und Solisten war durchgehend ein hohes Niveau zu erleben. Nik Kevin Koch gestaltete den Evangelisten mit klarem Tenor, erzählerischer Wachheit und bemerkenswerter Textverständlichkeit. Seine Darstellung besaß Dringlichkeit, ohne opernhaft zu wirken. Vielmehr führte er mit feinen Nuancen durch das Geschehen und hielt den großen Spannungsbogen souverän zusammen. Christian Feichtmair verkörperte Jesus mit sonorem Bass und wohltuender Ruhe. Seine Autorität entstand nicht aus demonstrativer Größe, sondern aus konzentrierter Präsenz und klanglicher Würde.
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Irma Klaffenbach-Mihelic setzte mit ihrem Sopran leuchtende, bewegliche Akzente und überzeugte mit einer Linienführung, die Klarheit und Ausdruck schön verband. Lea Müller verlieh ihren Partien Wärme, Innigkeit und jene nach innen gerichtete Intensität, die besonders in dieser Musik berührt. David Höfel komplettierte das Solistenensemble mit markantem Bass-Bariton und profiliertem Ausdruck.
Qualität und Wahrhaftigkeit
Der Abend im Dom St. Nikolaus war in jeder Hinsicht eine stimmige Aufführung, getragen von musikalischer Kompetenz, stilistischem Bewusstsein und spürbarer innerer Anteilnahme. Benjamin Lack und allen Mitwirkenden gelang eine „Johannespassion“, die durch Qualität und Wahrhaftigkeit beeindruckte. Gerade darin lag ihre besondere Größe: in der Fähigkeit, ein Werk aus dem 18. Jahrhundert so lebendig, eindringlich und menschlich hörbar zu machen, als richte es sein Wort unmittelbar an die Gegenwart.