Ein flüchtiges Geflecht aus Klang, Körper und Raum

Kultur / 29.03.2026 • 12:36 Uhr
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Hofesh Shechter verwandelt den Bühnenraum in ein vibrierendes System aus Rhythmus, Bildern und kollektiver Erfahrung.Todd Macdonald Highres

Hofesh Shechter schafft beim Bregenzer Frühling ein offenes, pulsierendes Gefüge aus Tanz und Musik.

Bregenz Mit „Theatre of Dreams“ hat Hofesh Shechter beim Bregenzer Frühling ein Werk gezeigt, das sich konsequent jeder eindeutigen Lesart entzieht und gerade darin seine außergewöhnliche Wirkung entfaltet, weil es ein dichtes Geflecht aus Bewegung, Klang und Raum entstehen lässt, das den Zuschauer von Beginn an in seinen Bann zieht.

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Ein Abend, der sich jeder eindeutigen Lesart entzieht und gerade daraus seine Sogwirkung entfaltet.Todd Macdonald Highres

Ein Tänzer löst sich aus dem Zuschauerraum, nähert sich tastend dem Vorhang, verharrt für einen Moment im Lauschen auf einen pulsierenden Herzschlag und gleitet schließlich ins Halbdunkel hinüber, als überschritte er eine Schwelle in einen Raum, der zugleich innerlich und gemeinschaftlich gedacht ist. Nach und nach treten weitere Tänzer hinzu, es entfaltet sich eine Folge von Szenen, die sich wie lose miteinander verbundene Erinnerungsbilder aneinanderreihen, flüchtig und doch von eruptiver Kraft durchzogen, immer wieder unterbrochen von Augenblicken des Stillstands, in denen die Bewegung innehält und die Zeit für einen kurzen Moment ihre Kontur verliert. Diese Körper artikulieren sich nicht über Sprache, sondern über Reaktion und Gegenbewegung, sie stoßen sich voneinander ab, finden erneut zusammen, verdichten sich zu Formationen und zerfallen wieder, als folgten sie Strömungen, die sich jeder Sichtbarkeit entziehen.

Archaische Kraft

Entscheidend für die Wirkung des Abends ist die enge Verzahnung aller Mittel. Die Musik, von Shechter selbst komponiert, treibt das Geschehen mit wummernden, oft an elektronische Clubkultur erinnernden Rhythmen voran, die sich mit live gespielten Passagen mischen und so eine klangliche Vielschichtigkeit erzeugen, die zwischen archaischer Kraft und zeitgenössischer Klangästhetik oszilliert. Darüber legt sich ein Lichtdesign, das Räume öffnet und verschließt, das Figuren aus dem Dunkel herauslöst oder sie darin verschwinden lässt, wodurch die Bühne zu einem beweglichen Gefüge aus Schichten wird.

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Besonders eindrücklich ist die Arbeit mit den verschiebbaren Vorhängen, die den Raum in immer neue Tiefen staffeln und zugleich Einblicke gewähren und verwehren. In den schmalen Spalten, die sich öffnen, erscheinen Szenen wie flüchtige Visionen, die sofort wieder entgleiten. Was verborgen bleibt, drängt jedoch permanent nach vorne und verleiht dem Geschehen eine unterschwellige Spannung.

Gemeinsames Tanzerlebnis

Als die Musik unvermittelt in einen leichten, beinahe heiteren Ton übergeht, das Saallicht sich öffnet und die Tänzer das Publikum behutsam in das Geschehen hineinziehen, lösen sich die gewohnten Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum auf, Beobachtende werden zu Mitwirkenden, Distanz verwandelt sich in gemeinschaftliches Erleben. So entsteht ein Moment von zwingender Folgerichtigkeit, in dem sich die immer wieder verhandelte Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv sinnfällig verdichtet, bis sich der gesamte Saal in einen großen, von Bewegung erfüllten gemeinsamen Raum verwandelt, in dem sich die Begeisterung unmittelbar in Tanz übersetzt.

Noch bevor alles seinem Ende zustrebt, verdichtet sich das Geschehen zu einem minutenlangen Taumel aus entfesselter Bewegung, in dem sich die Körper in immer schnelleren Formationen verlieren, getragen von einer Musik, die den Raum durchpulst und das Wahrnehmen selbst verändert, bis sich eine beinahe tranceartige Sogwirkung einstellt, die den Blick bindet, den Atem rhythmisiert und das Publikum unmerklich in diesen Strudel hineinzieht, als würde sich die Grenze zwischen Sehen und Erleben auflösen und nur noch dieser unaufhaltsame, alles erfassende Fluss bleiben. Am Schluss öffnet sich der Raum ein letztes Mal, ein heller Vorhang erscheint wie ein Versprechen, eine Projektion von etwas, das noch nicht eingelöst ist. Es ist ein Bild, das keine Antworten gibt, aber eine Richtung andeutet.