Drei Abende für die Liebe

Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier verbanden Mythos, Literatur und Musik.
Bregenz „Ich freue mich, mit diesem jungen Orchester auf der Bühne zu stehen und meinem Freund Tobias beim Dirigieren zusehen zu dürfen“, brachte Michael Köhlmeier es auf den Punkt. Die Osterkonzerte 2026 der Camerata Musica Reno im Theater Kosmos in Bregenz erwiesen sich auch in diesem Jahr wieder als ein Ereignis von besonderer Dichte, in dem Musik und Erzählung nicht nebeneinanderstanden, sondern sich gegenseitig durchdrangen und in ihrer Verbindung eine eigene Ausdruckskraft entwickelten. Im Zentrum stand erneut die Zusammenarbeit mit Michael Köhlmeier, dessen erzählerische Kunst seit Jahrzehnten geschätzt wird und der es versteht, bekannte Stoffe mit neuer Klarheit und oft überraschender Perspektive zu entfalten. Sein Thema an diesem Osterwochenende war die Liebe, betrachtet durch die Linse von Mythos, Literatur und persönlicher Erinnerung.
Odysseus und Penelope
Köhlmeier begann mit der antiken Mythologie, die er als eine Welt beschrieb, in der echte Liebespaare rar sind. Die meisten Verbindungen seien von Macht, Begierde oder Zufall bestimmt. Nur wenige Ausnahmen wie Perseus und Andromeda, Hektor und Andromache oder Odysseus und Penelope entsprächen dem, was wir heute unter einer dauerhaften, auf gegenseitiger Zuneigung beruhenden Beziehung verstehen. Gerade die Geschichte von Odysseus und Penelope nutzte er, um die Komplexität von Treue und Erwartung auszuloten.

Von dort spannte sich der Bogen zu Romeo und Julia, jenem wohl berühmtesten Liebespaar der Weltliteratur. Inmitten eines von Feindschaft vergifteten Umfelds begegnen sie einander, verlieren sich augenblicklich ineinander, schließen heimlich den Bund der Ehe und setzen damit eine Entwicklung in Gang, die unaufhaltsam in die Tragödie führt. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ die Geschichte von Köhlmeiers eigenen Eltern, die er mit leiser Zurückhaltung und spürbarer Zuneigung erzählte. Eine Begegnung im Krieg, wenige gemeinsam verbrachte Stunden, der Austausch von Briefen und schließlich die Entscheidung für ein gemeinsames Leben, all das überhöhte der Vorarlberger Schriftsteller nicht, sondern fasste es in schlichte, eindringliche Bilder, deren Wirkung gerade aus ihrer Unaufgeregtheit erwuchs. Sichtlich bewegt ließ Köhlmeier am Ende den Blick zurückwandern und dankte seinen Eltern, ein Moment, der sich jeder Inszenierung entzog und von stiller Intensität war, als würde sich in wenigen Worten ein ganzes Leben bündeln, getragen von Erinnerung, Liebe und einer Dankbarkeit, die keinen großen Gesten bedarf.
Tobias Grabher
Die musikalische Leistung der Camerata Musica Reno unter der Leitung von Tobias Grabher erwies sich an diesem Abend als bemerkenswert geschlossen, differenziert und zugleich von einer inneren Spannung getragen, die weit über das Erwartbare hinausging. Gerade in Hector Berlioz’ „Chasse royale et orage“ aus Les Troyens zeigte sich, mit welcher gestalterischen Klarheit Grabher die jungen Musiker zu führen versteht. In den Ausschnitten aus Charles Gounods Roméo et Juliette überzeugte die Camerata durch ihre Fähigkeit, zwischen Transparenz und dramatischer Zuspitzung zu vermitteln. Die thematischen Linien wurden klar herausgearbeitet, die Stimmen fein aufeinander abgestimmt, sodass sich die zugrunde liegende Tragik mit großer Deutlichkeit entfalten konnte.
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Nach der Pause erreichte der Abend mit Richard Wagners Vorspiel zu Tristan und Isolde seinen Höhepunkt. Hier gelang es Grabher und seinem Ensemble, jene fragile Spannung aufzubauen, die dieses Werk so unverwechselbar macht. Aus der Stille heraus formten sie einen langen Atem, der sich in fein abgestuften Wellenbewegungen entfaltete, ohne je an Intensität zu verlieren. Die berühmten harmonischen Verschiebungen wurden mit großer Sensibilität gestaltet, sodass sich ein Klangraum öffnete, der weniger auf Effekt zielte als auf innere Verdichtung.