Wenn Erinnerung eine Stimme bekommt

Kultur / 16.04.2026 • 14:51 Uhr
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Lukas Birk erzählt im Atrium des vorarlberg museums zehn persönliche Geschichten jenseits der vertrauten europäischen Erinnerung.Andreas Marte

Fotograf und Künstler Lukas Birk verdichtet historische Recherchen zu persönlichen Erzählungen.

Bregenz Mit der Ausstellung „Topografie der Erinnerung“ holt das vorarlberg museum vom 18. April bis 5. Juli einen Künstler ins Atrium, der sich seit Jahren mit Erinnerung, Bildarchiven und historischen Erzählungen beschäftigt, dies allerdings meist fern von Vorarlberg, in Asien, im Mittleren Osten und in anderen Regionen des globalen Südens. Der Eintritt ist frei, die Vernissage findet am Freitag, 17. April, um 17 Uhr statt.

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Die Ausstellung erzählt den Zweiten Weltkrieg nicht abstrakt, sondern über Menschen, Schicksale und persönliche Erfahrungen.Daniel Furxer

Lukas Birk, 1982 in Vorarlberg geboren und heute in Südfrankreich lebend, macht in seinen Arbeiten immer wieder sichtbar, wie sehr Geschichte vom Blickwinkel abhängt, aus dem sie erzählt wird. Er ist kein Historiker im klassischen Sinn, arbeitet aber fundiert, recherchiert präzise und verdichtet seine Funde zu persönlichen, erzählerisch zugänglichen Biografien. Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Ausstellung: Sie nähert sich dem Zweiten Weltkrieg nicht über große politische Linien oder abstrakte Zahlen, sondern über einzelne Schicksale, über Menschen, deren Erfahrungen oft außerhalb des europäischen Gedächtnisses geblieben sind.

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Daniel Furxer

Birk: „Die Ausstellung eröffnet einen Blickwinkel, der uns ein Stück weit aus unserer Komfortzone herausholt. Sie lädt dazu ein, Perspektiven, Erfahrungen und Geschichten anderer Menschen nachzuvollziehen – aus Lebenswelten, die uns zunächst fern erscheinen und mit denen wir auf den ersten Blick vielleicht nichts zu tun haben. Doch letztlich berühren sie uns genauso, denn sie sind Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Gerade mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg richtet sich unsere Aufmerksamkeit häufig vor allem auf den Nationalsozialismus, den Holocaust, den Wiederaufbau und die Schuldfrage. Dabei geraten andere dramatische und tragische Themen oft in den Hintergrund. Die Ausstellung macht diese Themen durch persönliche Geschichten erfahrbar und gibt ihnen eine eindringliche Stimme“.“

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Daniel Furxer

Zehn persönliche Erzählungen machen den Zweiten Weltkrieg als weltumspannendes Ereignis erfahrbar. Eine indische Krankenschwester, ein Feldkoch aus Kenia, ein japanischer Soldat, eine philippinische Guerillaführerin oder eine von Stalin deportierte Krim-Tatarin berichten in der Ich-Perspektive von Krieg, Verlust, Gewalt und Hoffnung. Ihre Stimmen verbinden sich mit Fotografien, Karten, Archivmaterialien und Tonaufnahmen zu einer vielschichtigen Erzählung, die den vertrauten europäischen Rahmen bewusst verlässt.

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Daniel Furxer

Dabei geht es Birk nicht darum, ferne Welten exotisch auszustellen. Im Gegenteil: Gerade weil seine bisherigen Projekte meist eng mit lokalen Kontexten in Myanmar, Afghanistan oder anderen Ländern verbunden waren, stellte sich für ihn die Herausforderung, seine Arbeitsweise nicht einfach nach Vorarlberg zu übertragen, sondern hier einen eigenen Zugang zu finden. Erinnerung soll nicht importiert, sondern in einen lokalen Zusammenhang gestellt werden. Viele Geschichten ähneln einander, auch wenn sie an sehr unterschiedlichen Orten entstanden sind.

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Daniel Furxer

Besonders aufschlussreich ist dabei der Blick auf jene Regionen, die im kollektiven Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs oft nur am Rand vorkommen. Japan erscheint vielen noch immer vor allem in Verbindung mit Pearl Harbor, Indien bleibt in europäischen Erinnerungskulturen meist blass, auch die kolonialen Verflechtungen in Afrika oder die Perspektiven aus Palästina sind kaum präsent. Gerade diese blinden Flecken rückt Birk ins Zentrum.

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Lukas Birk

So wird „Topografie der Erinnerung“ zu mehr als einer historischen Ausstellung. Sie ist eine Einladung, Geschichte als gelebte Erfahrung zu begreifen, als etwas, das sich nicht nur in Archiven oder Lehrbüchern findet, sondern in Stimmen, Gesichtern und Erlebnissen von Menschen. Dass diese Ausstellung nun im Atrium des vorarlberg museums zu sehen ist, macht sie auch für das heimische Publikum besonders reizvoll: als Begegnung mit einer künstlerischen Handschrift, die von außen kommt und gerade dadurch neue Sichtweisen eröffnet.