Die neue Lust an der Unmündigkeit

Anmeldungen für das 29. Philosophicum Lech sind ab sofort möglich.
lech Das Denken wird delegiert, die Orientierung gleich mitgeliefert, und wer sich von Apps, Bots, Algorithmen oder digitalen Echokammern bereitwillig leiten lässt, bewegt sich oft bequem, aber kaum noch selbstständig durch eine komplexe Welt. Aus diesem ebenso zeitdiagnostischen wie gesellschaftskritischen Befund entwickelt das 29. Philosophicum Lech sein diesjähriges Thema: „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“. Unter der bewährten Intendanz von Barbara Bleisch und Konrad Paul Liessmann lädt das Symposium von 22. bis 27. September 2026 nach Lech am Arlberg.

Im Zentrum steht eine Frage, die den Geist der Aufklärung mit neuer Dringlichkeit berührt: Was ist aus der Forderung geworden, den eigenen Verstand ohne fremde Leitung zu gebrauchen? Im Editorial formuliert die Intendanz dazu eine zugespitzte Diagnose: Wer wolle, genieße heute eine Rundumversorgung, im Denken wie im Leben. Gemeint sind damit nicht nur die Sirenengesänge von Ideologen, Propagandisten und digitalen Beeinflussern, sondern auch die wachsende Bereitschaft, geistige Arbeit und Urteilsvermögen an technische Systeme oder autoritative Instanzen auszulagern. Damit wird eine Entwicklung sichtbar, die Fragen nach persönlicher Souveränität, unabhängiger Wahrheitssuche und demokratischer Urteilskraft neu aufwirft.
Wie ist die Lage?
Das Philosophicum reagiert darauf mit einem breit gefächerten Programm, das Vorträge, Debatten und Gespräche bündelt. Bereits zum Auftakt am Dienstag, 22. September, richten die Philosophicum Dialoge den Blick auf die Gegenwart. Im ersten Panel diskutieren der Politikwissenschaftler Claus Leggewie und die Ethnologin Susanne Schröter unter dem Titel „Wie ist die Lage?“ über politische und gesellschaftliche Konfliktlagen. Im zweiten Panel fragen der Philosoph Stefan Gosepath und die Journalistin Anna Schneider: „Was ist zu tun?“ Am Mittwoch, 23. September, folgt das Remus-Impulsforum, das das Jahresthema unter der Leitfrage „Selber denken: Ein Konzept von gestern?“ aus unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Perspektiven beleuchtet. Mit dabei sind unter anderem Patrick Bahners und Faika El-Nagashi, moderiert von Michael Fleischhacker. Der philosophisch-literarische Vorabend bringt anschließend Barbara Bleisch, Konrad Paul Liessmann und die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer zu einem Gespräch über die Frage zusammen, wie viel Wahrheit der Mensch braucht.

Offiziell eröffnet wird das Philosophicum am Donnerstag, 24. September, durch Lechs Bürgermeister Gerhard Lucian. Es folgen Ansprachen von Ludwig Muxel und Landeshauptmann Markus Wallner. Statt eines klassischen Einführungsvortrags ist diesmal ein Streitgespräch der beiden Intendanten angekündigt: locker im Ton, pointiert in der Sache und ganz auf das Tagungsthema konzentriert. Zu den prominentesten Namen der Vortragsreihe zählen Richard David Precht, Marie-Luisa Frick, Roland Reichenbach, Romy Jaster, Frauke Rostalski, Catherine Newmark, Michael Butter, Laura Wiesböck, Anna-Verena Nosthoff und Rüdiger Safranski. Ihre Beiträge kreisen um Freiheit, Mündigkeit, Eigenverantwortung, Verschwörungstheorien, digitale Herrschaft und die Wirkung Künstlicher Intelligenz.
Tractatus
Ergänzt wird das Symposium durch ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Exkursionen, einer Sonderführung zum Skyspace Lech, der Ausstellung „Blende auf! – Der Arlberg in der Fotografie“ sowie der feierlichen Verleihung des Tractatus, des Essaypreises des Philosophicum Lech. Neu sind heuer ein Kolloquium zum Tractatus in Kooperation mit PhilPublica und das von Michael Fleischhacker moderierte Format „Philosophieren um Mitternacht“. Die Online-Anmeldung ist ab sofort möglich. Lech wird damit einmal mehr zum Ort konzentrierter Gegenwartsdiagnose und zu einem Forum für die Frage, wie viel eigenes Denken sich eine demokratische Gesellschaft noch leisten will.