Tanz im Sog der Gegenwart

NDT 2 verbindet beim Bregenzer Frühling archaisches Ritual und pulsierende Clubästhetik zu einem intensiven Tanzabend.
Bregenz Mit dem Gastspiel von Nederlands Dans Theater 2 brachte der Bregenzer Frühling am Donnerstagabend im Festspielhaus einen Tanzabend auf die Bühne, der zeigte, wie unterschiedlich Gegenwartschoreografie heute denken und wirken kann. Die Arbeiten von Marcos Morau sowie Sharon Eyal und Gai Behar führten nicht bloß zwei ästhetische Handschriften vor, vielmehr eröffneten sie Erfahrungsräume, in denen der Körper zum Seismografen innerer und kollektiver Spannungen wurde. Dass die Tänzerinnen und Tänzer des NDT 2 mit souveräner Präzision, Energie, Geschmeidigkeit und darstellerischer Wachheit agierten, machte den Abend zu einem Ereignis.
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Marcos Morau entwarf in „Folkå“ eine Welt, die wie aus Erinnerung, Ritual und fremdartiger Folklore zusammengesetzt schien. Nichts daran wirkte folkloristisch im herkömmlichen Sinn, nichts erzählte sich bequem aus vertrauten Bildern heraus. Vielmehr entstand ein Kosmos, in dem Gruppenformationen, ruckartige Impulse, symmetrische Ordnungen und grotesk überzeichnete Gesten ineinandergriffen, als würde hier eine Gemeinschaft vorgeführt, die eigene Regeln, Zeichen und Zeremonien kennt. Morau arbeitet mit Körpern, die Zeichen setzen, sich aufladen, erstarren, losbrechen und in neuen Konstellationen zueinanderfinden. Das Ensemble folgte dieser Sprache mit faszinierender Genauigkeit.
Maria Grazia Chiuri
Besonders stark war die Fähigkeit der Gruppe, zwischen strenger Form und vibrierender Lebendigkeit zu wechseln. Die Tänzerinnen und Tänzer wirkten nie wie bloße Ausführende eines choreografischen Apparats, sie füllten ihn mit Persönlichkeit, Präsenz und jener wachen Spannung, die Morau braucht, damit seine Tableaus nicht zu starren Bildern werden. Immer wieder entstanden Momente von fast unheimlicher Schönheit, wenn sich einzelne Körper aus der Masse lösten, nur um kurz darauf wieder von ihr aufgenommen zu werden. „Folkå“ wurde so zu einer Reflexion über Zugehörigkeit und über Kräfte, die den Einzelnen tragen und verschlingen können. Die wunderschönen Kostüme stammen von Maria Grazia Chiuri, die zum Zeitpunkt der Produktion Chefdesignerin bei Dior war.

Nach der Pause verschob sich die Atmosphäre radikal. Mit „SAABA“ von Sharon Eyal und Gai Behar betrat der Abend ein anderes Terrain: kühler, urbaner, pulsierender, zugleich von nervöser Sinnlichkeit getragen. Die Choreografie entwickelte sich aus einem beinahe unerbittlichen Beat, aus kleinsten Verschiebungen der Schultern, Hüften und Arme, aus federnden Schritten und einer Körpersprache, die kontrolliert und entfesselt zugleich erschien. Sharon Eyals Handschrift ist unverkennbar: Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich wie Wesen in einem elektrischen Feld, uniformiert durch den gemeinsamen Rhythmus, aber immer wieder durchbrochen von individuellen Ausbrüchen, Zuckungen, Blicken und Verschiebungen der Balance.
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Das NDT 2 zeigte hier seine ganze Klasse. Wie Tänzer die Präzision der Choreografie mit einem fast clubartigen Sog verbanden, wie sie den repetitiven Bewegungen Spannung, Glanz und Verletzlichkeit gaben, war beeindruckend. „SAABA“ lebt nicht von großen Gesten, sondern von Verdichtung, Wiederholung, von der minimalen Abweichung, die plötzlich alles verändert. Das Ensemble verstand diese Logik vollkommen. Der Tanz wurde zum flirrenden Zustand, zur eleganten Maschine, in der jede Tänzerin und jeder Tänzer zugleich Teil des Kollektivs und unverwechselbare Erscheinung blieb. Gerade im Zusammenspiel der beiden Stücke lag die Stärke des Abends. Morau blickte auf Gemeinschaft wie auf ein archaisches Rätsel, Eyal und Behar auf den Körper als vibrierendes Wesen der Gegenwart. Dort das Ritual, hier der Beat; dort die Ordnung, hier der pulsierende Rausch. Das Nederlands Dans Theater 2 bewies in Bregenz, warum diese Compagnie international so geschätzt wird.