Von Kurtágs Zeichen zu Bachs Glanz

Wolfgang Kogert rückte die Orgel in St. Gallus eindrucksvoll in den Fokus.
Bregenz Im wunderschönen Ambiente der Bregenzer St. Gallus Kirche erhielt das Zusatzprogramm „Klangbilder. Die Orgel im Fokus“ im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte am Freitag, jene besondere Aura, die entsteht, wenn Raum, Instrument und Interpret einander wechselseitig beleuchten. Dass der ursprünglich angekündigte Organist Jeremy Joseph wegen eines gebrochenen Fingers absagen musste, hätte leicht zu einem Bruch im Konzept führen können, doch mit Wolfgang Kogert wurde ein international gefragter Musiker gewonnen, dessen künstlerisches Profil dem Anspruch dieser Reihe in jeder Hinsicht entsprach. Kogert, in Wien geboren, zählt zu den vielseitigsten Organisten seiner Generation. Sein Repertoire reicht von der Musik des 14. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart, wobei ihn besonders die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Klangsprachen prägt.
Das neu zusammengestellte Programm setzte kluge Kontraste. Georg Muffats Toccaten und die Ciacona wirkten wie ein historischer Auftakt, der die barocke Beweglichkeit des Instruments freilegte, ohne sie museal auszustellen. Kogert ließ die Musik klar sprechen, mit Sinn für Linie, Proportion und festliche Geste. Hier zeigte sich bereits seine Fähigkeit, auch in prachtvollen Passagen Maß zu halten und die Akustik der Kirche nicht zu überfordern.
Apokalyptische Zuspitzung
Den eigentlichen Reiz des Abends aber bildete die Begegnung mit György Kurtág. Die acht Stücke aus „Játékok“ öffneten eine ganz andere Welt: fragmentarisch, spröde, konzentriert, von kleinen Gesten und plötzlichen Verdichtungen geprägt. Besonders herausragend gelang „Versetto: Dixit Dominus ad Noe: finis universe carnis venit“, in dem Kogert die apokalyptische Zuspitzung aus dem Inneren der Klänge wachsen ließ. Da wurde die Orgel zum sprechenden, tastenden, warnenden Instrument, das durch die Präzision der gesetzten Zeichen zu beeindrucken verstand. Gerade in diesen Miniaturen zeigte sich Kogerts Souveränität: Er vertraute den Pausen, den Brüchen, den schmalen Linien und gab Kurtágs Musik jene fragile Schärfe, die sie braucht.
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Zum Höhepunkt des Abends wurde schließlich Johann Sebastian Bach. Hier konnte Kogert zeigen, wie selbstverständlich er das große Repertoire beherrscht, und zugleich, wie frisch es klingen kann, wenn es nicht routiniert abgespult wird. Die „Pièce d’orgue“ BWV 572 entfaltete sich mit majestätischer Ruhe, „Von Gott will ich nicht lassen“ und „Schmücke dich, o liebe Seele“ erhielten eine innige, fein atmende Deutung, während Präludium und Fuge D-Dur BWV 532 den Abend glanzvoll beschlossen. Bach erschien dabei erneut als jener Komponist, der aus der Orgel ein ganzes Universum herauszuholen vermag: Kraft, Ordnung, Kantabilität, Glanz und geistige Klarheit.
Wolfgang Kogert interpretierte diese Werke mit technischer Sicherheit, stilistischer Umsicht und spürbarer Freude an den Möglichkeiten des Instruments. So wurde aus einer kurzfristig notwendigen Umbesetzung kein Ersatzabend, sondern ein eigenständiges, überzeugendes Konzert, das die Orgel in der St. Gallus Kirche als reiches, wandlungsfähiges und bis heute faszinierendes Klangwesen erfahrbar machte.