Ruhe und Sturm

Biennale Venedig steht für das Potential der Kunst zwischen Mystik und Provokation
Letzten Sonntag eröffnete die 1895 gegründete „Grande Dame“ der internationalen Großausstellungen: die 61. Biennale von Venedig. Bis 22. November versammelt die Schau über 200 Künstler aus mehr als 100 Ländern in den Giardini, im Arsenale und an zahlreichen Orten der Stadt. Für Künstler bedeutet eine Teilnahme den Eintritt in den Kunstolymp – mit internationaler Aufmerksamkeit, Sammlerinteresse und Marktwertsteigerungen. Koyo Kouoh, Direktorin des Zeitz Museums in Kapstadt und erste schwarze Kuratorin der Biennale, hatte das Konzept noch vorbereitet.
Überschattet wird diese Ausgabe vom frühen Tod Kouohs, die im vergangenen Jahr mit nur 57 Jahren an Krebs verstarb und mit der mich eine lange Freundschaft verband. Auch politisch sorgte die Biennale für Streit um Russlands und Israels Teilnahme, die im Rücktritt Jury gipfelte. Nun sollen die Biennalepreise durch ein Publikumsvoting im Herbst vergeben werden. Vor dem russischen Pavillon protestierten Pussy Riot gemeinsam mit Femen. Die Ukraine antwortete auf den Politrummel stiller: mit Zhanna Kadyrovas Origami-Hirsch aus Beton nahe dem russischen Pavillon – ein eindringliches Zeichen gegen den Krieg.
Koyo Kuouh hingegen gestaltete ihre Biennale jenseits der grassierenden politischen Vereinnahmungen von Kunst. Sie setzt in der Hauptausstellung unter dem Titel „in Minor Keys“ auf leise, mystische, ja nachdenkliche Töne. Ihre „Moll-Tonarten“ verstehen sich als Einladung zum Entschleunigen, Zuhören und Zusammenkommen. Klassische Materialien, die heilende Kraft der Kunst und Stimmen des globalen Südens und vor allem Afrikas prägen Ihre Schau.
Ganz im Gegensatz dazu der österreichische Pavillon – einer der Höhepunkte der Biennale. Florentina Holzinger sorgt mit Seaworld Venice für Wartezeiten von über zwei Stunden. Das habe ich vor einem österreichischen Pavillon noch nie erlebt. Holzinger, Star der internationalen Performance- und Theaterszene, bekannt für radikal feministische Arbeiten, die Körper wie Publikum an Grenzen führen, bespielt den Pavillon kompromisslos. Mit ihrem ausschließlich weiblichen Team erschafft Sie eine Wasserwelt zwischen Wasser-Freizeitpark und Kläranlage. Das Publikum wird Teil des Werks: Körper, Flüssigkeiten, Kreisläufe. Es geht um den menschlichen Körper, um Ökologie und um Venedig selbst – die sinkende, vom Massentourismus überforderte Stadt. Ein menschlicher Glockenklöppel lässt stündlich eine Glocke erklingen und lässt mich an die Flatz Aktion “Demontage IX – Unternehmen Stahlglocke” (1990/91) denken. Kunst, die existenziell berührt, provoziert und gesellschaftlich relevant ist – wohl der spannendste österreichische Beitrag seit Jahren.
Bemerkenswert auch der luxemburgische Pavillon im Arsenal: Aline Bouvys grotesk-politisch filmische Installation La Merde kreist um Scham, Ausgrenzung und die gesellschaftlich politische Vereinnahmung des Körpers. So zeigt die 61. Biennale von Venedig in Ihrer Vielfalt eindrücklich das Potential und die Kraft von Kunst zwischen Besinnung, Sinnlichkeit, Reibung und Provokation.
Hervorgehoben sei von den vielen großartigen sogenannten Kolletaralprojekte Erwin Wurms Präsentation in dem magisch- exzentrischen Palazzo Fortuny. Wurm gelingt es, die Opulenz des barocken Palazzo in eine paradoxe Wunderkammer der Absurditat und Verworfenheit unseres zeitgenössischen Seins zu verwandeln.
Apropos: Franziska Holzinger wird am 11. Juli in den Bregenzer Seeanlagen auf Einladung des Kunsthauses zu sehen sein. Auch da wird die Auseinandersetzung mit dem Wasser zentral sein. Mehr sei nicht verraten. Unbedingt anschauen!