Bratpfannenhiebe zum Aktschluss

Kultur / 18.05.2026 • 11:50 Uhr
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Neuinszenierung von Mozarts “Così fan tutte” in St. Gallen: Temporeiche Komödie mit zeitgenössischem Flair.Dufa Jedyta

Witzige und vielschichtige „Così fan tutte“-Produktion in St. Gallen.

St. Gallen Mozarts und Da Pontes tiefgründige Komödie über die Wandelbarkeit der Liebe wurde schon auf alle möglichen Weisen inszeniert. Barbara-David Brüesch, die Regisseurin der Neuinszenierung in St. Gallen, versetzt den Schauplatz in die Gegenwart. Aus den beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella werden Nachbarinnen, die mit ihren Verlobten in je einer Reihenhaushälfte wohnen, die aussehen wie aus dem Katalog. Die Räume sind fast gleich eingerichtet, die Drehbühne kommt oft zum Einsatz, im Hintergrund wird durch Wolkenprojektionen die Tageszeit sichtbar (Bühne Alain Rappaport, Video Georg Lendorff). Optisch streng gerastert, korrespondiert das Bühnenbild mit der experimentellen Anordnung des Stückes, in dem zwei Liebespaare sich neu formieren, wobei das Intrigantenpaar Don Alfonso-Despina die Fäden zieht. Im 2. Akt spaltet sich das Haus in ein V-förmiges Gebilde auf, das nun den schützenden Rahmen für die Liebesbegegnungen bildet.

Gelungener Gesamteindruck

So typisiert das Ganze optisch wirkt (Kostüme Sabin Fleck), so individuell werden die Figuren im Laufe der Handlung durch Mozarts Musik: Der Bass Jonas Jud gibt einen stimmgewaltigen, dämonischen Don Alfonso, der alle Frauen für untreu hält. Vincenzo Neri verkörpert den leichtlebigen Guglielmo spielfreudig und mit klangvollem, geschmeidigem Bariton. Der Tenor Brian Michael Moore als der ernsthaftere Ferrando klingt überraschenderweise eher heldisch, was besonders in der Liebesarie „Un aura d’amore“ keine lyrische, sehnsuchtsvolle Stimmung aufkommen lässt, zudem wirkt seine Stimme manchmal gepresst. Eine reine Wonne sind die Frauenpartien: Die Amerikanerin Mack Wolz im neongrünen Arbeitskittel zeichnet Despina mit ihrem frischen Sopran als lebenserfahrene Pragmatikerin; als Ärztin und Standesbeamtin zeigt sie sich als Erzkomödiantin. Jennifer Panara verleiht der Dorabella mit ihrem eleganten Mezzo warme Konturen, wunderschön im Liebesduett mit Guglielmo. Eine Bombenleistung zeigt die kanadische Sopranistin Olivia Smith als Fiordiligi: Anders als gewohnt ist sie nicht die zurückhaltende Noble, sondern ein Vulkan an (unterdrückten) Emotionen. Wie sie ihre Bravourarie „Come scoglio“ gestaltet, mit Feuer und beeindruckender Stimmkraft nicht nur in der Höhe, sondern auch bei den für einen Sopran extrem tiefen Tönen, das ist einfach umwerfend. Das Orchester, dem bei Mozart eine für die Charakterisierung der Figuren ungemein wichtige Rolle zukommt, wird dieser Anforderung mehr als gerecht: Unter der inspirierten Leitung von Maestro Pietro Rizzi, der von Anfang an schwungvolle Tempi wählt, wird für das Gesangsensemble ein Klangteppich ausgebreitet, von dem gestalterische Impulse ausgehen, der aber die Stimmen nie zudeckt. Der Chor komplettiert den gelungenen Gesamteindruck.    

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Explosive Liebe und Bratpfannen: Mozarts Komödie erobert St. Gallen.Dufa Jedyta

Die Regie überzeugt mit Tempo, Witz und psychologischer Einfühlung: Köstlich die Idee, die beiden verliebten jungen Frauen bei ihrem Eingangsduett auf ihre Smartphones schauen zu lassen und die Konterfeis der jungen Männer auf die Hauswand zu projizieren. Turbulent wird es im Finale des 1. Aktes, als die empörten Damen die aufdringlichen Liebhaber mit Bratpfannen k.o. schlagen, ironisch-glamourös am Schluss, als ein weißes Cabrio mit den Brautpaaren einfährt. Als poetische Ergänzung gibt es einen geflügelten Amor, der mal in der Luft schwebt, mal über die Bühne tanzt (Ann-Kathrin Adam). Die Frage, welche Konstellation die „wahre“ sei, bleibt offen: Am Schluss lässt die Regisseurin beide Paare durcheinander auf das Ehebett purzeln.

Ulrike Längle