“Natur ist eine universelle Sprache”

Lee Chia-yeh
Starchoreograf Cheng Tsung-lung spricht über seine Produktion beim Bregenzer Frühling.
Bregenz Der taiwanische Choreograf Cheng Tsung-lung zählt zu den prägenden Stimmen des zeitgenössischen Tanzes. Er verbindet in seinen Arbeiten poetische Bildkraft mit großer körperlicher Präzision. Anlässlich der österreichischen Erstaufführung von „Sounding Light” am Freitag, 29. Mai, im Festspielhaus Bregenz spricht er über Klang, Licht, Bewegung und die besondere Handschrift der Cloud Gate Dance Company.
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Was bedeutet es für Sie, Sounding Light in Bregenz zu präsentieren?
Cheng Tsung-lung Wir fühlen uns sehr geehrt, in Bregenz zu sein. Ich bin zum ersten Mal in dieser wunderschönen Stadt und wir freuen uns sehr, Sounding Light hier zeigen zu dürfen. Ich glaube, dass die Natur eine universelle Sprache ist. Deshalb habe ich das Gefühl, dass Menschen in ganz unterschiedlichen Städten und Kulturen sehr leicht Zugang zu diesem Werk finden und in seine Atmosphäre eintauchen können.
In „Sounding Light“ scheint die Verbindung zwischen Mensch und Natur eine wichtige Rolle zu spielen.
Cheng Tsung-lung Ja, absolut. Während der Proben haben wir die Natur sehr genau beobachtet: die Bewegungen der Bäume, den Wind, das Licht. Daraus sind Bewegungen und Klänge für die Bühne entstanden. Für mich ist es sehr wichtig, die Natur aufmerksam wahrzunehmen. Man kann sehr viel von ihr lernen.

Inwiefern ist Ihre Arbeit von der taiwanesischen Kultur und Philosophie geprägt? Gibt es bestimmte Traditionen oder Ideen aus Taiwan, die in „Sounding Light“ besonders präsent sind?
Cheng Tsung-lung Unsere Tänzer haben eine vielseitige Ausbildung in klassischem Ballett, amerikanischem zeitgenössischem Tanz, traditionellen Kampfkünsten und Tai Chi genossen. All diese kulturellen Einflüsse sind tief in ihren Körpern verankert. Taiwan ist ein Schmelztiegel vieler unterschiedlicher Kulturen, was sich auch in unserer Bewegungssprache widerspiegelt. In unserem Stil verbinden sich viele verschiedene Bewegungsformen.
Die Tänzerinnen und Tänzer des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan verfügen über eine einzigartige körperliche Ausdrucksweise und Ästhetik. Was unterscheidet die Ausbildung in Ihrer Compagnie von europäischen Tanztraditionen?
Cheng Tsung-lung Im Grunde suchen wir alle nach etwas Ähnlichem, der Zugang ist jedoch möglicherweise unterschiedlich. Unsere Tänzer arbeiten beispielsweise sehr konzentriert und intensiv mit der Verbindung zum Boden und zur Erde. Wir trainieren mit tiefen Bewegungen und einer starken körperlichen Verwurzelung. Diese Verbindung zur Erde ist für uns sehr wichtig.

In „Sounding Light“ wirkt die Musik wie ein Teil der Natur selbst. Welche Bedeutung hat Musik für Sie im Zusammenhang mit Bewegung, Natur und Emotionen?
Cheng Tsung-lung Das Stück ist 2020 entstanden. Während der Pandemie war es schwierig, gemeinsam zu proben oder sich in den Städten aufzuhalten. Deshalb bin ich mit den Tänzern in die Berge und in die Natur gegangen. Dort haben wir viele Dinge neu entdeckt: das Sonnenlicht, die Natur und die Geräusche der Umgebung. Die Tänzer begannen, diese Eindrücke körperlich nachzuempfinden und die Klänge der Natur zu imitieren – etwa Insekten, Wind in den Blättern, fließendes Wasser oder Regen. Sie versuchten, diese Geräusche mit ihren Körpern entstehen zu lassen. So entstand die Musik. Gleichzeitig beeinflussten diese Klänge auch ihre Bewegungen und ihren Körper. Als wir später ins Studio zurückkehrten, geschah etwas fast Magisches: Die Tänzer bewegten sich plötzlich ganz anders als zuvor – freier, offener und intuitiver. Viele Bilder und Bewegungen entstanden direkt aus den Erfahrungen in der Natur.