Wenn Körper den Wald zum Klingen bringen

Poetische Tanzproduktion über Natur, Wahrnehmung und die Kunst des Lauschens.
Bregenz Am Freitagabend wurde das Festspielhaus Bregenz für gut eine Stunde zu einem Resonanzraum, in dem nicht die große Geste, nicht der theatrale Effekt und auch nicht die demonstrative Virtuosität im Vordergrund standen, sondern jene feinen Übergänge, in denen Bewegung Klang wird, Klang Bewegung auslöst und der menschliche Körper seine Grenze zur Natur scheinbar verliert. Mit „Sounding Light“ brachte Cheng Tsung-lung, künstlerischer Leiter des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan, im Rahmen des Bregenzer Frühlings eine Choreografie auf die Bühne, die aus der Stille der Pandemie geboren wurde und doch weit mehr ist als eine nachträgliche Reflexion über Isolation, Rückzug und Entschleunigung.

Cheng erzählt keinen Wald, er illustriert ihn auch nicht. Er lässt ihn entstehen. Aus Atemzügen, aus gedämpftem Stampfen, aus zarten Lauten, aus schwirrenden, flatternden, rufenden Stimmen und aus Bewegungen, die nie bloß dekorativ wirken, formt sich eine Landschaft, die nicht naturgetreu abgebildet wird, sondern als körperliche Erinnerung erscheint. Die Tänzerinnen und Tänzer des Cloud Gate Dance Theatre werden dabei nicht von einer fertigen Klangkulisse getragen, sie erzeugen wesentliche Teile dieser akustischen Welt selbst. Der Körper ist hier Instrument, Membran, Echoraum und Seismograf zugleich.

Das Faszinierende dieses Abends liegt gerade darin, dass Cheng Tsung-lung die Mittel nicht aufbläht. Die Bühne bleibt weitgehend leer, das Licht arbeitet mit Andeutungen, mit sanften Wechseln, mit Helligkeiten, die wie durch Blätter gefiltert scheinen, und mit dunkleren Zonen, in denen die Körper kurz verschwinden, um danach umso präziser wieder aufzutauchen. Aus dieser Zurückhaltung entsteht eine eigene Spannung. Man schaut nicht auf Szenen, man folgt Zuständen. Man sieht Gruppen, die sich wie Schwärme organisieren, Einzelne, die aus dem Kollektiv herauswachsen, Paare, die sich begegnen, berühren, umkreisen und wieder lösen. Alles bleibt in Bewegung, aber nichts wirkt hastig.
Unsichtbarer Puls
Besonders eindrucksvoll ist die Qualität des Ensembles. Cloud Gate verfügt über Tänzerinnen und Tänzer, deren technische Souveränität nie ausgestellt werden muss, weil sie in jedem Moment gegenwärtig ist. Die Körper sind geschmeidig, wach, hochpräzise und zugleich von einer Weichheit, die jede Bewegung atmend erscheinen lässt. Cheng gibt ihnen Raum, ohne die Form zu verlieren. Soli, Duette und Ensembleszenen gehen ineinander über, als würden sie aus demselben unsichtbaren Puls gespeist. Dabei entsteht kein romantisches Naturbild, keine Flucht aus der Gegenwart, sondern eine stille, manchmal beinahe archaische Übung in Aufmerksamkeit.
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„Sounding Light“ kann man als Tageslauf lesen, als Gang durch einen imaginären Wald, in dem Licht, Geräusch und Körper ihre Rollen ständig tauschen. Manchmal meint man Vögel zu hören, manchmal Insekten, manchmal Regen oder Wind, und doch bleibt immer spürbar, dass diese Welt aus menschlicher Präsenz besteht. Gerade dadurch gewinnt das Stück seine poetische Kraft. Natur erscheint hier als etwas, das im Körper gespeichert ist, in Reflexen, Erinnerungen, Instinkten, in der Fähigkeit, auf leiseste Impulse zu reagieren.

Nicht jeder Moment besitzt dieselbe zwingende Verdichtung. Gelegentlich droht die meditative Anlage ins gleichmäßig Schwebende zu kippen, und wer nach dramatischer Zuspitzung sucht, wird in dieser Arbeit wenig Halt finden. Doch Cheng setzt bewusst auf eine andere Wahrnehmungsform. Er verlangt Geduld, Konzentration und die Bereitschaft, sich von kleinen Verschiebungen führen zu lassen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine Choreografie, die nicht überwältigen will, sondern die Sinne neu ausrichte