Schicht für Schicht gegen die Ordnung

„Inverso“ zeigt Ivan De Menis als Künstler der Ränder und Umkehrungen.
Hard Mit seiner Ausstellung „Inverso“ stellt sich der nahe Treviso lebende italienische Künstler Ivan De Menis in der Galerie Maximilian Hutz in Hard einer gewohnten Ordnung entgegen. Der Titel verweist auf eine Umkehrung, die nicht nur als formales Prinzip zu verstehen ist, sondern auch den eigenen Schaffensprozess reflektiert. Bis 18. Juli sind ausgewählte Arbeiten zu sehen, in denen Oberfläche, Rand, Volumen und Raum in ein Verhältnis treten.

De Menis lädt dazu ein, seine Werke aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nicht allein die Vorderseite steht im Zentrum, auch die Seiten werden zu Trägern von Information, Erinnerung und Zeit. Dort zeigen sich die Spuren des Entstehens besonders deutlich: Überlagerungen, Farbschlieren, Verdichtungen. Was auf den ersten Blick geschlossen und klar wirkt, öffnet sich seitlich wie ein Protokoll der Arbeit im Atelier. Der Künstler selbst spricht von einem „offenen Tagebuch“.

Die Ausstellung lebt vom Spiel der Kontraste. Mattschwarze Oberflächen begegnen leuchtenden Pop- und Fluofarben, kleinformatige Bildobjekte treten mit größeren Arbeiten und skulpturalen Elementen in Beziehung, übereinanderliegende Quader scheinen sich aufrecht aus dem Raum zu lösen und den Blick auf das Körperhafte der Bilder zu lenken. Dabei entsteht ein Dialog zwischen Form, Farbe und Umgebung.

In den Werkreihen „Tessere“, „Tondi“, „Rette“ und „Compressioni“ entwickelt De Menis Bildobjekte von intensiver Farb- und Leuchtkraft. Ton-in-Ton-Farben und Lasuren erinnern an die venezianische Schule, die dem Kolorit und dem Umgang mit Licht und Schatten besondere Bedeutung beimaß. Zugleich zeigen sie die Verbundenheit des Künstlers mit seinen italienischen Wurzeln. De Menis übersetzt diese Tradition in eine minimalistische Sprache.

Sein Verfahren verlangt Geduld. Auf dicke Schichten hochpigmentierter Farbe folgen unzählige Lagen Kunstharz, bis das Werk langsam an Volumen gewinnt. Der Prozess des Aushärtens braucht Zeit und setzt damit der Beschleunigung unserer Gegenwart eine stille Beharrlichkeit entgegen. In den „Compressioni“ werden Materialien wie Stoffe und Styropor in die Oberfläche eingeschlossen. Pigment und Struktur verschmelzen durch Druck, der Arbeitsvorgang bleibt spürbar.

Diese Verbindung von Kontrolle und Offenheit prägt die Ausstellung. De Menis zerlegt und bricht Arbeiten auf, um sie in einem umgekehrten Prozess wieder neu zusammenzusetzen. So verschiebt er den Blick über die glatte Erscheinung hinaus zu den Rändern, Fugen und Schichtungen. „Aus diesen Gedanken an das Umgekehrte, an das Entgegengesetzte entstand meine Ausstellung“, sagt der Künstler.

Zeit wird bei De Menis nicht bloß dargestellt, sie lagert sich materiell ab. Jeder Harzauftrag markiert einen Moment, jeder Schichtaufbau bewahrt eine Spur der Tage im Atelier. Der Künstler denkt dabei an beides: an das Sichtbarmachen des Vergehens und an den Schutz des Bewahrten. Das Kunstharz wird zur Kuppel über der Farbe, vielleicht auch über der Erinnerung. „Inverso“ erscheint so als konzentrierte Ausstellung über Umkehrung, Material, Farbe und Dauer.