Piazollas Enkel

Kultur / 16.06.2026 • 15:20 Uhr
rt.jpg
Das Klavierduo Pablo Estigarribia und Émilie Aridon-Kociolek im Klanghaus Toggenburg. GaZ BLANCO

Fulminanter Start des neuen Festivals Tangonale.

Hohenems Man musste ordentlich Kilometer machen, um an diesem neuen Tango-Festival teilzunehmen: Von Freitag bis Sonntag fanden im Klanghaus Toggenburg in Wildhaus (CH), im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems (A), im Hagenhaus Nendeln (FL) und zum Abschluss noch einmal in Wildhaus sechs Konzerte statt, bei denen zeitgenössische Tangomusik im Mittelpunkt stand. Das war aber auch der einzige Wermutstropfen bei der Tangonale.

Beim argentinischen Tango denkt man gemeinhin an leidenschaftliche Tänze, die Frau im roten Kleid, der Mann ein Macho. Intendant Joachim Tschütscher, der in Innsbruck seit vielen Jahren das Tango-Festival La Locura leitet, wollte mit diesem neuen Format die musikalische Weiterentwicklung des Tango Argentino aufzeigen, der sich längst vom Tanzparkett gelöst und den Weg in die Konzertsäle gefunden hat. Der große Astor Piazzolla hat in den 1950er Jahren mit dem Tango Nuevo eine Revolution ausgelöst und mit bestehenden kompositorischen Gepflogenheiten gebrochen. Welche vielfältigen musikalischen Wege in seiner Nachfolge den modernen Tango prägen, das konnte man bei der Tangonale in drei architektonisch und akustisch erstklassigen Sälen in drei Ländern erfahren. Auch die Gestaltung des umfangreichen Programmbuchs ist vom Feinsten, und sogar die Tänzer kamen bei zwei Milongas mit DJs auf ihre Kosten. Musik als grenzüberschreitendes und verbindendes Element – das war auch eine Idee hinter diesem Festival.

Bandoneon, Klavier und Violine

Temperamentvoll dargeboten wurden die vielen Facetten des Tangos, die Piazzollas Enkel entwickelt haben, von der crème de la crème der internationalen Tangoszene in unterschiedlichsten Besetzungen. Man spürte Einflüsse von Chansons, dem Jazz, von avancierten modernen Kompositionstechniken und innovativen Tangokomponisten wie Salgàn oder Roviro. Höhepunkt im stimmungsvollen Ambiente des Klanghauses Toggenburg war der Auftritt des renommierten Komponisten und Pianisten Pablo Estigarribia und seiner fantastischen Kollegin Émilie Aridon-Kociolek, die auch Debussys „Poissons d’or“ spielte. Vorher hatte das Trio Tasis mit Bandoneon, Klavier und Violine in minimalistischen, aber mitreißenden Arrangements eine Synthese von traditionellen Tangos, lateinamerikanische Rhythmen und Moderne geboten. In Hohenems stieß das Tango-Streichquartett von Leonardo Ferreyra am weitesten in den Bereich der musikalischen Avantgarde vor. Das Cuarteto Insurgente mit der ungewöhnlichen Besetzung Violine, Viola, Cello und dem Leiter Cristian Basto am Kontrabass präsentierte sein neues Projekt „Deconstrucción“, bei dem aus einzelnen Tango-Phrasen unter Mitwirkung des großartigen Bandeonisten Martin Sued neue, intensive und originelle Stücke entstehen – ein absolutes Highlight. Ein Ruhepunkt war der Auftritt des feinsinnigen tirolisch-argentinischen Gitarrenduos Müller-Funes im Hagenhaus, bei dem auch Flamencorhythmen und Werke spanischer Komponisten wie de Falla und von Ginastera, dem Lehrer Piazzollas, erklangen.

Beim Abschlusskonzert im Klanghaus Toggenburg faszinierte die in Berlin lebende argentinische Sängerin Noelia Tomassi mit dem kongenialen Pablo Woiz am Piano mit ihrer Gesangskunst ebenso wie mit ihrer eleganten, expressiven Körpersprache. Am Ende dieser innovativen und intensiven Konzerte kann man nur hoffen, dass die Worte Tomassis für die Tangoszene wahr werden: „Das neue Tangonale-Festival ist die Zukunft!“

Ulrike Längle