Ein Weltenschöpfer an den Tasten

Der große Igor Levit bei der Schubertiade in Schwarzenberg.
Schwarzenberg Am Sonntagabend herrschten tropische Temperaturen in Schwarzenberg, und so nahm sich Igor Levit nach dem 1. Satz der Schubert-Sonate in A-Dur, D 959, die Freiheit, unter dem Applaus des Publikums sein Sakko abzulegen: „Was Sie dürfen, darf ich auch.“ Neben dieser vorletzten Schubert-Sonate standen Chopins Fantasie in f-Moll, op. 49 und Beethovens „Appassionata“ auf dem Programm, drei gewichtige Werke der klassisch-romantischen Klavierliteratur.

Levits außergewöhnliches Spiel hielt das Publikum von den ersten kraftvollen Akkorden an in atemloser Spannung. Wie er die Themen modelliert, wie er zuerst voll in die Tasten greift und dann beim Seitenthema sanft artikuliert und die Töne aufblühen lässt, sich nach vorne beugt, als wolle er ihnen nachlauschen, dann nach einem heftigen Akkord sich wieder abrupt nach hinten wirft – das fesselt klanglich wie optisch. Ergreifend und überirdisch traurig klang das fis-Moll-Andantino mit seiner ruhigen, volksliedhaften Melodie und der monotonen Begleitfigur in der linken Hand, umso heftiger dann der leidenschaftlich-expressive Mittelteil. Tänzerisch hingetupft, aber immer wieder von harschen Akzenten unterbrochen das Scherzo, weich fließend und elegant schließlich das lyrische Thema des Rondos. Levit gelingt es, eine Linie durch den ganzen Satz zu ziehen, bis zu den abrupten Generalpausen kurz vor Schluss. Sein Spiel ist absolut durchhörbar, auch die Mittelstimmen sind deutlich. Bei ihm klingt Schubert nicht dunkel, wie etwa bei Brendel, sondern klar strukturiert, bis ins kleinste Detail durchgestaltet, kantig, dann wieder lyrisch, hochemotional – und existentiell dringlich. Chopins lange, formal höchst individuelle f-Moll-Fantasie geriet unter Levits Fingern zu einem kontrastreichen Tongemälde. Die tiefe Traurigkeit des Werkes äußert sich teils in verträumten, ruhigen Passagen, dann wieder kommt es zu leidenschaftlichen Ausbrüchen. Levit vereinigt in seiner Spielweise zwei sehr gegensätzliche Fähigkeiten: Manche Partien klingen wie gemeißelt, als ob ein Bildhauer am Werk wäre, andere wirken fein und innig, wie ein zartes Pastellgemälde.
Durchhörbare Themenlinie
Den Schluss machte Beethovens leidenschaftliche „Appassionata“, seine populärste Klaviersonate in f-Moll, op. 57. Technisch zieht Beethoven hier alle Register: Die Sonate ist orchestral, nicht pianistisch gedacht und bringt viele Pianisten an ihre Grenzen – nicht aber Levit. Seine Virtuosität ist einfach selbstverständlich, wirkt nie ausgestellt. Es gelingt ihm im 1. Satz, die Balance zwischen Kontrolle und zügellosem Ausdruck zu halten, die Struktur eines Sonatensatzes hörbar zu machen und dennoch die emotionale Raserei umzusetzen. Wunderbar singend das Andante, mit immer durchhörbarer Themenlinie unter all den Verzierungen der Variationen. Ein Ereignis dann der 3. Satz: Beim Zuhören bekam man immer stärker den Eindruck, als spiele da nicht jemand ein fertiges Stück eines Komponisten, sondern als entstehe die Musik im Augenblick des Erklingens. Levit ist ein Weltenschöpfer an den Tasten, aus dessen Händen lebendig pulsierende Organismen entstehen. Das hat etwas Magisches. Rasend dann die Steigerung bis zum berserkerhaften Schluss.
Das Publikum dankte jubelnd, mit teils Standing Ovations. Als erste Zugabe „für ihn selbst“ gab es die Schlussphrase des 1. Satzes der Schubert-Sonate, weil ihn da eine Fliege gestört hatte und ihm etwas verrutscht war, dann die abgeklärte Bearbeitung des Bach-Chorals „Nun komm, der Heiden Heiland“ durch Ferruccio Busoni.
Ulrike Längle