Wie aus einem inneren Beben geformt

Das Mandelring Quartett verbindet bei der Schubertiade Klangkultur, dramatische Zuspitzung und große Schubert-Erfahrung.
Hohenems Schon mit dem einleitenden c-Moll-Quartettsatz zeigte das Mandelring Quartett am Donnerstagabend bei der Schubertiade in Hohenems, warum es seit Jahrzehnten zu den maßgeblichen Kammermusikformationen zählt: Dieses Spiel besaß Zug, Präzision und jene innere Spannung, die ein Werk nicht bloß sauber ausführt, sondern es von innen her zum Sprechen bringt. Was bei Schubert leicht in bloßes Pathos oder in romantischen Wohlklang kippen kann, erhielt hier Kontur, Richtung und dramatische Folgerichtigkeit. Die vier Musiker ließen den unvollendet gebliebenen Satz nicht wie ein Fragment erscheinen, dem etwas fehlt, sondern wie eine kühne Setzung, wie einen jähen Aufbruch in eine neue Welt. Die nervöse Energie des Allegro assai wurde mit bestechender Geschlossenheit entfaltet, die Kontraste waren scharf gezeichnet, die lyrischen Inseln nicht als Gegenwelt ausgespielt, vielmehr als fragile Momente innerhalb eines unruhigen Ganzen.

Im a-Moll-Quartett D 804, dem sogenannten „Rosamunde“-Quartett, bewährte sich dann die eigentliche Kunst dieses Ensembles in noch feinerer Weise. Denn hier geht es nicht um demonstrative Wirkung, nicht um äußerliche Zuspitzung, sondern um Maß, Klangkultur und die Fähigkeit, Zwischentöne ernst zu nehmen. Genau das gelang dem Mandelring Quartett auf hohem Niveau. Der erste Satz entfaltete sich in großer Ruhe, ohne je spannungslos zu werden; die melodischen Linien sangen, doch sie wurden nie sentimental aufgefächert. Über allem lag ein Ton des Zögerns, der leisen Beunruhigung, des tastenden Voranschreitens, und gerade darin gewann die Interpretation ihren Reiz. Das berühmte Andante gestalteten die vier mit großer Schlichtheit. Nichts wurde überhöht, nichts auf Wirkung hin gebogen. Das Quartett ließ aus der feinen Balance von Wärme, Zurücknahme und kluger Phrasierung jene stille Größe entstehen, die dieses Werk so besonders macht.
„Der Tod und das Mädchen“
Wie sorgfältig das Mandelring Quartett aufeinander hört, wie genau hier Artikulation, Dynamik und klangliche Gewichtung austariert sind, zeigte sich auch im Menuett und im Finale. Da war kein forciertes Drängen, keine aufgesetzte Dramatik, sondern eine in sich stimmige Lesart, die das Werk als Ganzes ernst nahm und ihm seine herb-schöne Schwebe ließ. Gerade in solchen Momenten wurde hörbar, weshalb dieses Ensemble weit über den deutschsprachigen Raum hinaus solchen Rang genießt: Es musiziert mit technischer Souveränität, immer im Sinne der musikalischen Rede.
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Mit „Der Tod und das Mädchen“ erreichte der Abend schließlich seinen erschütternden Höhepunkt. Das Mandelring Quartett warf sich mit Entschiedenheit in dieses Werk, mit Schärfe, Energie und beeindruckender formaler Klarheit. Schon die eröffnenden Takte saßen mit einer Wucht, die den Saal sofort bannte. Im weiteren Verlauf entfaltete sich ein dichtes Drama, dessen Intensität nie in grobe Effekte abglitt. Vielmehr beeindruckte, wie klar die Stimmen auch in den vehementesten Passagen geführt wurden, wie präzise die dramatischen Zuspitzungen gesetzt waren und wie organisch sich daraus die großen Linien ergaben. Das Andante con moto geriet zum Zentrum der Aufführung: ernst, ruhig, unerbittlich und gerade deshalb von großer Wirkung. Auch das Scherzo und das gehetzte Presto-Finale rissen mit, weil hier vier Musiker mit völliger Hingabe, aber ohne jedes Übermaß agierten.

Das Mandelring Quartett zeigte Schubert als Komponisten von Unruhe, Formkraft und radikaler Wahrhaftigkeit. Das war klug aufgebaut, meisterhaft gespielt und in jeder Phase von jener künstlerischen Ernsthaftigkeit getragen, die große Interpretationen von guten unterscheidet.