Die Schubert-Dioskuren Krimmel und Bushakevitz

Auf den Höhenkämmen des Liedgesangs in Schwarzenberg.
Schwarzenberg Am Sonntagnachmittag bei der Schubertiade konnte man die beiden Ausnahmekünstler Konstantin Krimmel (mit einem Bein in Gips) und Ammiel Bushakevitz mit einem reinen Schubert-Programm hören: Das Konzert begann mit dem „Pilgrim“, D 794. Gelassen am Anfang, mit all der Schönheit seiner noch zurückgenommenen, aber fokussierten Stimme, gestaltete Krimmel plastisch die vergebliche Sinnsuche des Pilgrims bis zum Wort „Ziel“, dem er mit einer Messa di voce besondere Eindrücklichkeit verlieh, um schließlich resigniert bei der Einsicht zu landen: „Und das Dort ist niemals hier“. „Am Bach im Frühling“, D 361, begann mit einer hellen Frühlingsszene mit wunderschön singendem Klavier und wandelte sich sehr berührend zum Ausdruck düsterer Hoffnungslosigkeit. Dramatischer wurde es beim „Schiffer“, D 536, mit lautmalerisch rollenden Wellen im Klavier, metallischem Stimmklang bei Krimmel und einem hochexpressiv herausgestoßenen „Ich hasse ein Leben behaglich entrollt“. Im maximalen Kontrast dazu stand das „Nachtstück“, D 672: Das Klavier evozierte eine geheimnisvolle nächtliche Atmosphäre, bevor Krimmel als „alter Harfner“ seine Stimme erhob und den Tod erwartete, ein zu Herzen gehendes Stimmungsbild, bei dem der Pianist jeder wiederholten Begleitfigur ihre eigene Gestalt verlieh. Berückend friedlich war das Entschlafen am Schluss – so möchte man sterben, wenn man schon muss…
Unwetter, Räuber und Hitze
Durch die Pause unterbrochen folgten dann zwei Schiller-Balladen: Zuerst die „Bürgschaft“, D 246, die zu einem Juwel an dramatischer Gestaltung und Einfühlung gedieh. Krimmel brillierte schon beim einleitenden Dialog Tyrann-Attentäter mit differenzierter Stimmgestaltung. Wie er die sadistische Note beim König gestaltete, jagte jedem eine Gänsehaut über den Rücken. Scheinbar idyllisch die schwingende Klaviermelodie zur Hochzeit der Schwester, dann entfaltete sich ein packendes Musikdrama mit dem angsterfüllten Hindernislauf zurück durch Unwetter, Räuber und Hitze. Wie die beiden Ausnahmekünstler diesen Geniestreich des achtzehnjährigen Schubert gestalteten, mit bis ins Feinste und dann wieder Dramatischeste ausgeloteten seelischen Regungen bis zum moralischen Schluss mit dem „menschlichen Rühren“ des Tyrannen – das erregte Jubelstürme im Publikum.

Ins Staunen konnte man auch kommen darüber, was Schubert bereits mit Siebzehn aus Schillers „Taucher“, D 77, gemacht hat. Schon wie Krimmel die Frage „Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp‘“ gestaltete, war ein Musterbeispiel psychologischer Durchleuchtung. Auch hier ist wieder ein sadistischer Herrscher am Werk, dessen Grausamkeit der Sänger mit seiner Stimmfärbung wiedergab. Herrlich plastisch die Gestaltung der immer stärker brausenden Wellen durch Bushakevitz, besonders eindringlich die Schilderung der „grausigen Tiefe“ mit den Meeresungeheuern. Hier brach ganz gegen die üblichen Gepflogenheiten sofort nach dem Ende stürmischer Applaus los. „Der Zwerg“, D 771, nach Collin beeindruckte abschließend durch die düstere Unerbittlichkeit der Darstellung.
Bushakevitz ist ein Begleiter, dem man eigentlich einmal eine eigene Kritik widmen sollte. Wie differenziert und schön er seinen Part gestaltet, welche Impulse er aussendet, wie intelligent er der Singstimme einen Konterpart gibt – das sucht seinesgleichen. Hier haben sich zwei Künstler gefunden, die absolut kongenial sind. Als Zugabe zog das Publikum „Sommerabend“ von Brahms dem ebenfalls vorgeschlagenen „König in Thule“ vor – ein ruhiger Abschluss eines hochdramatischen Konzertes.
Ulrike Längle