36 Grad im Schatten

Das Theater im Kies präsentiert die Premiere von „Riebl eassa, wähla go“.
Altach Es war eine große Herausforderung, nicht nur für die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theater im Kies unter der Leitung und Regisseurin Heidi Salmhofer, sondern auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer bei 36 Grad im Schatten im Kieswerk Kopf/Altach einen Parcours von Spielstätte zu Spielstätte zu absolvieren und dabei mit dem Kopf bei der Sache zu bleiben. Auch allein deshalb, weil sich das Publikum in drei Gruppen aufzuteilen musste, die sich jeweils den Hauptakteuren anzuschließen hatten und auf ihrem Weg immer wieder begegneten, somit vermischte sich der Text des einen mit dem Text des anderen Schauspielers. Die Schauspieler agieren sehr entspannt und launig, sind immer wieder gefordert „ihre Gruppe“ zusammenzuhalten und sie von Spielstätte zu Spielstätte zu führen, während sie ihren Text deklamieren. Die Besucher wählten bereits beim Kartenkauf „ihre“ Begleitfigur aus. Das sind Berta (Kerstin Regoli), die auf ihren Mann aus dem Krieg wartet, Karl (Johannes Latzer), ein junger Kriegsheimkehrer und der französische Besatzungssoldat Pierre (Sascha Jähnert). Neben diesen agierten noch eine Vielzahl von Schauspielern.
Hoffnung, Hunger, Besatzung und Neuanfang
Heidi Salmhofer schrieb und inszenierte 2023 das Theaterstück „Die Korrektur eines Tunichtguts“ für das Jubiläumsjahr 100 Jahre Diepoldsauer Rheindurchstich mit großem Erfolg. Was lag also näher mit einer anderen Thematik diese Naturkulisse wieder zu bespielen? Salmhofer stellte sich die Frage „Was bedeutete es, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Vorarlberg zu leben. Wie fühlte sich der Alltag zwischen Hoffnung, Hunger, Besatzung und Neuanfang an?“ Gekonnt und ohne aufgesetzt zu wirken verbindet Salmhofer historische Fakten mit persönlichen Geschichten, zum Beispiel jene Begebenheit, dass am Sonntag, 5. Mai 1946, 1200 Kinder auf Schweizer Familien in Au, Widnau und Heerbrugg verteilt wurden. Die Vorarlberger Nachrichten schrieben damals darüber: „Die Freude war groß, die meisten passieren zum ersten Mal in ihrem Leben die Grenze. Organisation liegt in den Händen des Verkehrsvereins Au und der kath. und ev. Frauenbünde.“ Daraus generiert Salmhofer die berührende Geschichte mit den hungrigen Kindern und der Mutter am Mittagstisch. Oder auch die Wahlen von 1945, bei der der Dornbirner Ulrich Ilg mit 24 von 26 Stimmen zum Landeshauptmann gewählt worden ist sowie 15.156 Personen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP nach dem Wahlgesetz vom 19. Oktober 1945 davon ausgeschlossen worden sind. Die Wahlbeteiligung lag damals in Vorarlberg bei über 94 Prozent!

Heidi Salmhofer Resümee: „Es war sehr berührend zu sehen wie beim Durchwandern der diversen Spielstätten bei dem einen oder anderen Besucher Erinnerungen hochgekommen sind (unter anderen von Erzählungen von ihren Eltern und Großeltern) und diese Erinnerungen, Gedanken, Begebenheiten wurden dann auch mit anderen ausgetauscht. Es stoßt irgendwie an und berührt die Menschen.“ Ein lohnenswerter Theaterabend in einer außergewöhnlichen Kulisse.
Thomas Schiretz
Weitere Termine: www.theaterimkies.at