Wenn Bregenz aus der Form gerät

Stefan Reiterer verwandelt im Bildraum Bodensee das Deuringschlössle in eine räumliche Sequenz.
Bregenz Mit der Ausstellung „level“ widmet der Bildraum Bodensee dem österreichischen Künstler Stefan Reiterer eine ortsspezifische Präsentation, die den Ausstellungsraum selbst zum Ausgangspunkt macht. Zu sehen ist die Schau bis zum 27. August in der Bregenzer Seestraße.
Reiterer, 1988 in Waidhofen an der Thaya geboren, beschäftigt sich mit der Frage, wie digitale Bildwelten unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit verändern. Seine Arbeiten verbinden digitale Verfahren mit Malerei: Ausgangsbilder werden bearbeitet, Formen CNC-gefräst oder dreidimensional gedruckt und anschließend malerisch überformt. Das Technische wird dabei zum Ausgangspunkt einer sinnlichen Bild- und Raumvorstellung.
In „level“ richtet Reiterer den Blick auf die Architektur des Ausstellungsorts. Der Titel verweist auf eine messbare und wahrnehmbare Niveaudifferenz innerhalb der Räumlichkeiten. Diese Gegebenheit übersetzt der Künstler in eine linear anwachsende Reihe bemalter 3D-Drucke: Das kleinste Objekt misst zwei Zentimeter, das größte 46 Zentimeter. Mit jedem Schritt verändert sich nicht nur der Maßstab, sondern auch die Form. Die Ansicht von Bregenz wird zunehmend verzerrt und verschoben.
Plastische Verformung
Ausgangspunkt dieser Ansicht ist ein vertrautes Motiv der Stadt: das Deuringschlössle. Es verweist zugleich auf eine kunsthistorische Spur. Egon Schiele malte das Motiv 1912 vom Kirchplatz der St.-Gallus-Kirche aus, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in Bregenz. Der damals 22-jährige Schiele hielt
sich im Sommer 1912 für einige Wochen in Bregenz auf, nachdem ihn die Ereignisse rund um die sogenannte Neulengbach-Affäre – der Künstler kam in Untersuchungshaft und saß in in einer Kellerzelle des Bezirksgerichts – persönlich und künstlerisch erschüttert hatten. Mehr als hundert Jahre später nimmt Reiterer diese Ansicht wieder auf und führt sie in einen gegenwärtigen Kontext.
Dabei geht es nicht um eine bloße Hommage oder um Wiedererkennbarkeit. Schieles Blick auf Bregenz wird bei Reiterer zu einer räumlichen Sequenz, in der sich Wahrnehmung nicht mehr auf einen festen Standpunkt verlassen kann. Maßstabssprünge, digitale Rekonstruktion, plastische Verformung und malerische Eingriffe lösen das bekannte Stadtmotiv aus seiner ikonischen Lesbarkeit. Was bleibt, ist ein offenes System aus Form, Erinnerung und räumlicher Verschiebung.
Der Bildraum Bodensee wird dadurch neu erfahrbar. Die Besucherinnen und Besucher begegnen nicht nur einzelnen Objekten, sondern einer Installation, die sich mit dem Raum verändert und diesen zugleich kommentiert. Reiterers Arbeit fragt, wie Bilder entstehen, wie sie gespeichert werden und was geschieht, wenn digitale Daten, historische Motive und malerische Gesten ineinandergreifen.
Stefan Reiterer studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Daniel Richter und Francis Ruyter. Seine Arbeiten wurden international gezeigt, etwa in London, New York, Los Angeles, São Paulo, Mexiko-Stadt, Prag und Berlin. Die Bregenzer Ausstellung setzt einen lokalen Akzent: Sie macht die Stadt und ihre räumlichen Verschiebungen zum Material der Kunst.