Teuflischer Mord an der Côte d’Azur

Guillaume Mussos Sommerkrimi entpuppt sich als Pageturner.
Schwarzach Wo Hitchcock oben steht, wird Hitchcock drinnen sein. Das alleine verrät schon Guillaume Mussos Titel “Die fremde Frau”, aber alles von Anfang an. Oriana Di Pietro erfährt, dass sie an einem bösartigen Tumor im Endstadium erkrankt ist und nur noch zwei Monate zu leben hat. Ihre Familie ist gut situiert, norditalienischer Wirtschaftsadel, es fehlt an nichts, und doch fehlt es plötzlich an allem. Orianas Arzt des Vertrauens teilt ihr mit, sie sollte nun die Weichen stellen, damit ihre Familie gut landet. Aus dem Affekt heraus besucht sie Adèle Keller, die ehemalige Gouvernante ihrer zwei Kinder, von der Oriana überzeugt ist, sie könnte zum einen die Obhut über ihre Kinder übernehmen. Dazu sollte Adèle eine Beziehung mit ihrem Mann eingehen, so wäre für alle gesorgt. Das ist jedoch gar nicht so einfach: Ihr Mann ist französischer Komponist, Pianist und zugleich extrem egozentrisch veranlagt und so ganz nebenbei von einer Schaffenskrise heimgesucht. Sie trifft sich mit der Gouvernante zu einem Briefing, um sie mit den wichtigsten Infos über ihren Mann zu füttern. Adèle soll durchaus schon mit ihm ein Verhältnis anfangen, denn sonst läuft ihnen die Zeit davon. Einige Wochen später fällt sie an der Küste bei Nizza auf ihrer Jacht einem grausamen Mord zum Opfer. Nun ist die Polizistin Justine am Zug. Diese weiß zum Glück nicht, wie der Roman heißt. Der Titel „Die fremde Frau“ verrät fast schon zu viel, zumindest spürt der Leser, da kommt noch einiges!
Der Autor als Trickspieler
In kurzweiligen Storys kommen eine Hand voll Personen ins Spiel, die den Mord begangen hätten können. In der Motivsuche gelingt es dem Autor der Kunstgriff, aus dem Leben der verstorbenen Protagonistin zu berichten. Er lässt sie also weiterleben und schafft es so auch, dass ihr Umfeld, Vater und Mutter, Adrien, ihr Mann und auch die Polizistin und ihr Kollege Fleisch ansetzen und so realistisch erscheinen. Keinem geht es hier wirklich gut, alle fungieren in der Dunstglocke des Verbrechens. Adrien scheint die schlechtesten Karten im Spiel zu haben. Aber konnte er wirklich diese Schreckenstat ausüben? Der Autor Guillaume Musso geht eigentlich immer aufs Ganze und das ist schlicht und ergreifend großartig. Spielt er einen Trumpf aus, hat er schon den nächsten parat. Wie bei einem Trickspieler kommen Karten ins Spiel, von denen man vor einem Augenaufschlag noch nicht gewusst hat, dass es sie gibt.
Hitzeresistente Spannung
Das Ding hat natürlich Methode: Der Autor kostet das Leben seiner Protagonisten aus und ein jedes bringt ihn näher zur Aufklärung der grausamen Moritat. Dahinter liegt natürlich ein fein durchdachter Roman, der auf den Bedürfnissen der Menschheit beruht: Liebe, Habgier, Neid, Freude und vor allem das Glück der anderen, Gefühle, mit denen er seine Protagonisten ausgestattet hat. Und das alles in einem überhitzen Sommern, wo Musso wunderbare Landschaftsbilder einfließen lässt, die den Inhalt manchmal schmeichelhaft erscheinen lassen, bis der Lesende wieder in Schockstarre verfällt, weil die Überraschung schlussendlich das Lebenselixier dieses Romans ist und Musso sich, seine Protagonisten und die Leser nicht schont. In jedem seiner Protagonisten schlummert ein Stück Grausamkeit, verletzende Ehre oder ein zerbrochenes Liebesglück, verwoben in ein spannungsgeladenes Netz – dem Leser sind diese Zustände nicht fremd, so wirkt “Die fremde Frau” einige Zeit nach.
Martin G. Wanko