Wie viel Mensch bleibt im Material?

Harald Gmeiner verbindet gestrickte Socken, 3D-Druck und KI zu einer Befragung unserer Gegenwart.
Bregenz Was geschieht mit einem Gegenstand, wenn er sein Material wechselt? Was bleibt von seiner Geschichte, wenn aus Wolle Kunststoff wird, aus Handarbeit ein digitaler Datensatz, aus einer Zeichnung eine Skulptur? Diese Fragen stehen im Zentrum jüngerer Arbeiten von Harald Gmeiner. Der Wolfurter Künstler beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Menschen ihre Lebensumfelder wahrnehmen und wie diese Wahrnehmungen erweitert oder gebrochen werden. Dabei geht es ihm um kulturelle Prägungen, kollektive Grundmuster und Erfahrungen, die sich in Formen, Farben und Materialien niederschlagen.
Werktechnisch kommt Gmeiner aus der Malerei, Zeichnung und Grafik. Doch sein Feld umfasst auch Video, Installation, Performance, offene Ateliers an profanen Orten und Text. Immer wieder setzt er sich mit der Gegenwart auseinander und stellt den Einflüssen der Medienwelt eine sinnliche Praxis entgegen.

Ein Ausgangspunkt sind gestrickte Socken – ein alltäglicher, vertrauter Gegenstand, zugleich aufgeladen mit Körpernähe, Fürsorge, Herkunft und Erinnerung. Wolle, die durch Hände gegangen ist, durch Zeit, Geduld, Wiederholung und Intention. In ihr steckt mehr als Material. Sie trägt Spuren menschlicher Arbeit, auch Wärme und Gedanken. Gmeiner fragt, was in ein Ding eingeht, wenn es gemacht wird, und was verloren geht, wenn es digitalisiert, gescannt und in anderem Material reproduziert wird.

Während einer Residency in der Foundation BilbaoArte und der Ausstellung in der Galerie Uribatarte40 in Bilbao konnte Gmeiner diese Fragen in einem 3D-Lab weiterverfolgen. Dort wurden die KI-generierten Kopf-Skulpturen gedruckt. Die Socken wurden in Berlin fotografisch erfasst, als dreidimensionales Modell rekonstruiert und in Kunststoff überführt. Damit begann eine Versuchsanordnung, die weit über das Technische hinausgeht. Denn der 3D-Druck erzeugt nicht einfach eine Kopie. Er verändert den Gegenstand. Aus dem weichen, textilen Objekt wird eine feste Form, aus einem Kleidungsstück eine Skulptur, aus Wolle PLA, aus Gebrauch Betrachtung.
Darin liegt für Gmeiner die Spannung.

Ihn interessiert die Verbindung zwischen handwerklich geprägter Kultur und hochtechnisierter Gegenwart. Scanner, Programme, 3D-Drucker und KI eröffnen. Möglichkeiten, werfen aber Fragen auf: Welche ursprünglichen Gegebenheiten bleiben erhalten? Welche werden ausgelöscht? Wo beginnt die Interpretation der Maschine? Und was sagt das Ergebnis über unsere kulturelle Prägung aus?

KI versteht Gmeiner weniger als Autorin denn als Erweiterungsraum. Der Prompt wird zur Versuchsanordnung. Man kann der KI vorgeben, aus einer Zeichnung eine expressive, kubistische oder abstrakte Skulptur zu machen. Die überraschend sein kann, jedoch bleibt trotz einer gewisser Fremdheit der Bezug zum Bekannten. Neue unbekannte Formen entstehen durch unsere Kreativität. Da KI keine reine Gegenwart produzieren kann, sondern nur eine Verschiebung des Bekannten. Sie bricht die Wahrnehmung, ohne den Ursprung ganz auszulöschen.

In der Begegnung von gestrickter Socke, digitalem Modell, Kunststoffskulptur und KI wird diese Frage anschaulich. Gmeiners Arbeit bewegt sich zwischen Kunst und Natur, Hand und Maschine, Erinnerung und Gegenwart. Technologie erscheint nicht als Ersatz für den Menschen, sondern als Spiegel. Sichtbar wird, was wir in Dinge hineinlegen und was verloren gehen könnte, wenn Material nur noch als reproduzierbare Form erscheint. Harald Gmeiner nutzt KI, um genauer auf die Welt zu blicken. Seine Arbeit fragt, wie viel Mensch im Material bleibt, wenn es durch Programme, Daten und Druckprozesse hindurchgeht.