Austrofizierung als Mission, Verpflegung als Anreiz

Kultur / 11.07.2026 • 10:36 Uhr
Austrofizierung als Mission, Verpflegung als Anreiz
Hans Swarowsky, Dirigent des ersten Orchsterkonzerte der Wiener Symphoniker 1946. Univ. f. Musik und darstellende Kunst Wien

Die Symphoniker und Bregenz 1946/47.

Die französische Militärverwaltung traf im Mai 1945 in Vorarlberg wie auch andernorts im wieder erstehenden Österreich auf gespaltene mentale Haltungen der Bevölkerung. Einerseits herrschte Erleichterung über das Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, andererseits hatte ein großer Teil der Einwohnerschaft den Nationalsozialismus unterstützt oder zumindest ungestört walten lassen. Antidemokratische, großdeutsch-völkische und antisemitische Denkmuster waren in unterschiedlicher Stärke tief verankert. Das alles konnte nun aber nicht durch politische Maßnahmen plötzlich exorziert werden. Der Prozess einer ideologischen Entgiftung wurde zudem durch die Tatsache erschwert, dass es kaum eine einsichtige Reue in eine mögliche Mittäterschaft gab. Niemand – auch nicht die 10.000 Vorarlberger NSDAP-Mitglieder – wollte für die politische und humanitäre Katastrophe Mitverantwortung tragen. Den Alliierten ging es deshalb neben ordnungspolitischen Maßnahmen darum, die mentale Verfassung der Bevölkerung durch Zwang und Anreize in drei Stoßrichtungen zu erneuern: Durch die Entnazifizierung sollte die aktive Trägerschaft des NS-Systems entmachtet und sanktioniert werden; durch die Wiedereinführung demokratischer Strukturen, die mit zunehmender Dauer österreichischen Institutionen und Personen überantwortet wurden, sollte eine zukunftsfähige demokratische Republik geschaffen werden. Und schließlich bedurfte es auch Maßnahmen, die den in den 1930er-Jahren verlorenen Glauben an ein unabhängiges und lebensfähiges Österreich zu stärken imstande waren. Dazu benötigte es nicht nur eine endgültige Abkehr von der großdeutschen Idee, sondern ebenso eine Rückbesinnung auf die Qualitäten und die Lebensfähigkeit des Kleinstaates. Der Rekurs auf das bedeutende kulturelle Erbe sollte das Österreichbewusstsein stärken. “Hier am Schwäbischen Meer”, hieß es in der Programmankündigung für die Festwoche 1946, “beginnt Österreich, das wir wieder zu dem machen wollen, was es war: Hüter alter Kultur und Quell junger künstlerischer Kraft.”

Austrofizierung als Mission, Verpflegung als Anreiz
Zeitungsausschnitt aus den VN vom 24. Juli 1946.

Dass die Wiener Symphoniker im August 1946 in Bregenz zwei Konzerte gaben, war einmalig in der Rückschau und zukunftsträchtig in der Vorschau. Nie zuvor, weder in der Zeit der Monarchie noch der Ersten Republik, war ein Klangkörper von ähnlicher Reputation in Vorarlberg aufgetreten. Doch ab nun sollte diesem Orchester bis heute ein zentraler Part bei den Bregenzer Festspielen zukommen. Dieses Zusammenwachsen war angesichts der anfänglichen Gegebenheiten nicht selbstverständlich, zumal den Wiener Symphonikern unmittelbar nach dem Krieg die Türen zu sommerlichen Auftritten in mehreren Bundesländern offenstanden. Ein Blick in den Terminkalender der Jahre 1946 und 1947 zeigt, wie gefragt dieses Orchester war und wie geländegängig es sich in dieser Zeit erwies. Mit seinen Konzertreisen durch ganz Österreich und den Auftritten in der tiefsten Provinz erfüllte das Orchester eine kulturpolitische Mission im Sinne des Alliierten Rates und der neuen österreichischen Regierung. Beiden war die Re-Austrofizierung des Landes ein wesentliches Anliegen. Die traditionelle österreichische Musikkultur konnte bei der Abkehr von der gescheiterten großdeutschen Vision und der Wiederbesinnung auf ein unabhängiges, selbständiges Österreich mentale und emotionale Unterstützung bedeuten. Innerhalb dieses Konzepts förderten die französischen Militärbehörden im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch in Bregenz die Bemühungen um einen kulturellen Brückenbau nach hinten mit Blick nach vorne. Zugleich aber überließ man die Organisation und Durchführung einheimischen Kräften, um der nach Einschätzung alliierter Beobachter – im Gegensatz zu Deutschland – etwas lethargischen österreichischen Bevölkerung Möglichkeiten der Eigeninitiative zu bieten. Auch wurde via Kultur den mehr und weniger belasteten ehemaligen Nationalsozialisten eine Chance geboten, sich mit bürgerschaftlichem Engagement nützlich in die Nachkriegsgesellschaft einzubringen. Das galt auch für die Orchestermusiker, die zu einem guten Drittel NSDAP-Mitglieder gewesen waren und den “deutschen Hochkulturmythos” in einer “ostmärkischen” Variante repräsentiert hatten. Unter diesen Vorzeichen entstanden an zahlreichen Orten Österreichs, aber auch in Lindau, sommerliche Kulturwochen. Die von den Alliierten geförderte Betonung der Kulturnation diente dem jungen Staat auch dazu, sich von Deutschland und damit auch von jeglicher Mitschuld am Völkermord zu distanzieren.

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1949 wurde auf der ersten Seebühne „1001 Nacht“ von Johann Strauss (Sohn) unter der musikalischen Leitung von Anton Paulik aufgeführt. Die Symphoniker saßen mit ihren beleuchteten Notenpulten auf einer eigenen Insel zwischen Bühne und Publikum. Risch Lau/Festspiele

Für die Wiener Symphoniker boten diese Anlässe eine erfreuliche Abwechslung, politische Rehabilitation und angenehme Sommerfrische nach “schweren Konzertwintern” in zum Teil ungeheizten Wiener Sälen, so Musikdirektor des Wiener Orchesters Hans Swarowsky (1899–1975). Warum aber gerade die im Sommer 1946 begonnene Liaison zwischen den Symphonikern und Bregenz im Gegensatz zu anderen damals bereisten Städten in eine dauernde Partnerschaft mündete, muss über die beschriebene Großwetterlage hinaus auch am Kleinklima der Bodenseestadt gelegen haben. Ohne es so drastisch wie Brecht nachzeichnen zu wollen, dass “zuerst das Fressen” komme und dann erst die Blüten menschlicher Kultur sprießen können, spielt die relativ gute Versorgungslage in Bregenz anfänglich eine doch wesentliche Rolle. Die Knappheit an Lebensmitteln und Konsumgütern in der unmittelbaren Nachkriegszeit war bedrückend. Mit dem Wegfall der nationalsozialistischen Raubökonomie in den eroberten Ostgebieten erwies sich auf dramatische Weise, dass die Bevölkerung des Großdeutschen Reiches auf fremde Kosten gelebt hatte. In den ländlichen Gebieten mit hohem Selbstversorgeranteil zeigte sich die Nachkriegsnot nicht so schwerwiegend wie in den Städten. Was dort nur auf dem Schwarzmarkt zu haben war, gab es in Bregenz für die Wiener Gäste legal beziehungsweise für Musik. Die Nähe zur Schweiz und die gleich nach dem Krieg installierte “Wirtschaftsstelle Vorarlberg Schweiz” ermöglichten über die rationierten Lebensmittelkontingente hinaus eine für damalige Verhältnisse fast fürstliche Verpflegung der Wiener Musiker. Und die Schweizer Caritaszentrale in Luzern machte im verbilligten Abverkauf von im Krieg eingelagerten haltbaren Lebensmitteln kein schlechtes Geschäft. So erwarb die Stadt Bregenz für den Festspielsommer 1947 insgesamt 150 kg Schweinefett, 200 Dosen Kondensmilch, 100 kg Kaffee, eine nicht bezifferte Menge Würfelzucker, 1.100 Dosen Fleisch, 160 kg Spaghetti, 120 kg Reis und 100 Dosen Marmelade. Verarbeitet wurden diese und weitere frische Lebensmittel in der Küche des Hotel Krone; hier fanden die gemeinsamen Mahlzeiten für die Künstler statt, die in insgesamt acht verschiedenen Gasthöfen untergebracht waren. Die Einquartierung in Privatunterkünften erfolgte erst ab der Zeit, in der die Symphoniker den ganzen Festspielsommer in Bregenz verbrachten.

Neben der ansprechenden Verpflegung konnten sich auch die Gagen sehen lassen. Pro Konzert waren 10.000 Schilling vorgesehen; das entspricht nach heutiger Kaufkraft 50.000 Euro. Da 1946 beim zweiten Orchesterkonzert das gleiche Programm gespielt wurde wie beim ersten Termin und deshalb 200 Besucher weniger kamen, wurde die Gage auf 8.000 Schilling heruntergehandelt. Als weiteres Plus, das für Bregenz sprach, war die umsichtige Betreuung der Orchestermitglieder durch Funktionäre, freiwillige Helfer:innen und viele Bregenzer Geschäftsleute. Nicht umsonst dankte der Orchestervorstand der Symphoniker am Ende der ersten Zusammenarbeit “für die Aufnahme und Fürsorge” in Bregenz. Und der Konzertmeister der Symphoniker Hans Swarowsky prophezeite bereits in seinem zweiten Bregenz-Jahr, dass es sich hier “zum Unterschied zu den verschiedenen jetzt aus dem Boden sprießenden Festwochen um ein fruchtbares, zukunftsreiches Unternehmen” handle. Er sollte recht behalten. Eine in und aus der Not geknüpfte Zusammenarbeit half dem Orchester und bedeutete für Bregenz einen Hoffnungsstrahl auf bessere Zeiten und touristischen Aufschwung. Diese Hoffnungen sind dann für beide Partner, nämlich die Bregenzer Festspiele und die Wiener Symphoniker, auch tatsächlich Wirklichkeit geworden. Mit zeitgemäßen Anpassungen hat sich der Kontrakt über acht Jahrzehnte hinweg als fruchtbar erwiesen. Ob auch das intendierte Österreichbewusstsein durch die Musik zugenommen hat, bleibt dahingestellt. Gewachsen ist es auf jeden Fall.