Im Sog der großen Gefühle

Im Markus-Sittikus-Saal spannte das Aris Quartett einen intensiven Bogen von Beethoven bis Schubert.
Hohenems Mit seinem Kammerkonzert am 19. Juli im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems bestätigte das Aris Quartett seinen hohen Rang. Die Gegenüberstellung von Beethovens F-Dur-Quartett op. 59/1 „Rasumowsky“ und Schuberts d-Moll-Quartett D 810 „Der Tod und das Mädchen“ verlangte nicht nur technische Souveränität, sondern vor allem große gestalterische Ausdauer für zwei Werke, in denen sich klassische Form und existenzielle Dringlichkeit verbinden. Das Quartett begegnete dieser Herausforderung mit Klarheit, Mut zu Kontrasten und einem feinen Gespür für das gemeinsame Musizieren.
Schon im eröffnenden Allegro des Beethoven-Quartetts beeindruckte die Geschlossenheit des Klangbildes. Die vier Stimmen blieben individuell erkennbar und verschmolzen dennoch zu einer Einheit. Energische Akzente wurden präzise gesetzt, ohne je hart zu wirken; lyrische Passagen erhielten Raum, ohne den großen Spannungsbogen zu verlieren. Überzeugend gelang das Allegretto vivace sempre scherzando: federnd, pointiert und mit feinem Humor. Das Aris Quartett ließ die rhythmischen Verschiebungen prägnant hervortreten und machte hörbar, wie kühn Beethoven mit Erwartungen und Proportionen umgeht.

Im Adagio molto e mesto zeigte sich die Ausdruckskraft des Ensembles in ihrer ganzen Tiefe. Der langsame Satz entfaltete sich ohne Pathos, dafür mit großer Konzentration und berührender Schlichtheit. Die Musiker vertrauten auf die Intensität der Linie und auf die Wirkung der Stille zwischen den Phrasen. Umso befreiender wirkte der Übergang zum Finale, dessen „Theme Russe“ mit tänzerischem Schwung und leuchtender Artikulation gestaltet wurde. Hier verbanden sich Virtuosität und Spielfreude zu einem Abschluss, der Beethovens schöpferische Unruhe ebenso spürbar machte wie seine Lust an der Kommunikation.
Der Tod und das Mädchen
Nach der Pause führte Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ in eine noch unmittelbarere, dunklere Klangwelt. Das einleitende Allegro wurde mit schneidender Entschlossenheit eröffnet, blieb aber differenziert. Selbst in den heftigsten Zuspitzungen wahrte das Quartett Transparenz und Balance. Das berühmte Andante con moto geriet zum emotionalen Zentrum des Abends. Die Variationen über Schuberts Liedthema wurden nicht als bloße Folge von Stimmungen verstanden, sondern als zusammenhängender innerer Monolog. Zartheit, Trost, Aufbegehren und Resignation wechselten in fein abgestuften Farben, wobei jede Wiederkehr des Themas eine neue Bedeutung gewann.
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Das Scherzo besaß dämonischen Impuls und prägnante rhythmische Kontur, während das Trio als kurzer, lichter Gegenraum aufleuchtete. Im abschließenden Presto bündelte das Aris Quartett seine Kräfte zu einem atemlosen Totentanz. Die enorme Geschwindigkeit blieb kontrolliert, die Artikulation gestochen klar, und doch wirkte nichts kalkuliert. Gerade die Verbindung von technischer Brillanz und emotionalem Risiko machte diesen Satz so überwältigend. Der Schluss traf mit unerbittlicher Konsequenz und hinterließ einen Moment gespannter Stille, bevor sich die Begeisterung des Publikums entlud.

Als Zugabe erwies sich Giacomo Puccinis „Crisantemi“ als ideale Wahl. Nach den dramatischen Welten Beethovens und Schuberts schenkte das Aris Quartett diesem elegischen Stück einen warmen, innigen Ton. Die weit ausschwingenden Linien wurden mit großer Ruhe und nobler Zurückhaltung geformt. So endete der Vormittag in stiller Nachdenklichkeit. Dieses Konzert war ein Plädoyer für die ungebrochene Kraft des Streichquartetts: konzentriert, leidenschaftlich und von musikalischen Wahrhaftigkeit.