Ein Stubenhocker zwischen Mond und Mittelalter

Yuval Sharon bringt Janáčeks groteske Oper in Bregenz mit Bilderlust, Präzision und trockenem Humor auf die Bühne.
Bregenz Mit Leoš Janáčeks selten gespielter Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ legen die Bregenzer Festspiele eine Produktion vor, die fragen lässt, weshalb dieses Werk so selten auf den Spielplänen steht. Im Verlauf des Abends zeigt sich auch, warum: Zwei grundverschiedene Traumreisen, viele Mehrfachrollen und abrupte Wechsel zwischen Groteske, Lyrik und historischem Pathos müssen zusammengehalten werden. Die Musik verweigert jede Bequemlichkeit und verlangt von Bühne und Orchester höchste Wachheit. Yuval Sharon, Robert Jindra und das große Ensemble finden dafür einen überzeugenden Zugriff.

Matěj Brouček liebt Bier, Würstel und die Ruhe seiner vier Wände. Der Prager Hausbesitzer ist kein Held, sondern ein Meister des Ausweichens. Wo Haltung gefragt wäre, sucht er den bequemsten Ausgang. Er ist nicht dumm, wehrt aber alles ab, was seine Gewissheiten stört. Sharon macht ihn nicht zum torkelnden Clown. Er zeigt einen Mann, dessen geordnetes Leben nichts Fremdes stören soll. Darin liegt die unangenehme Gegenwärtigkeit dieser Figur. Broučeks Weltanschauung passt in die Tasche: Gewohnheiten, Vorurteile und für jede Lage eine Ausrede.

Jon Bausors Bühne sperrt Brouček zunächst in einen fast flächig gebauten Wohnraum. Vergrößerte Tapetenmuster, Fernseher und Sessel verschmelzen zu einem biederen Bild wie auf einem alten Familienfoto. Die falsche Perspektive macht das Zimmer zur Zuflucht und zum geistigen Gefängnis. Hier kennt Brouček jeden Gegenstand und glaubt, die Regeln zu bestimmen. Dann gerät das vertraute Bild ins Rutschen. Wände verschieben sich, Größenverhältnisse kippen und aus dem Haus wird eine Rakete. Die Flucht aus der Wirklichkeit beginnt dort, wo er sich vor ihr verschanzt hat.

Sharon und Bausor zeigen keinen silbrigen Mond, sondern eine Welt aus geometrischen Körpern und verschobenen Proportionen. Die Bilder erinnern an Georges Méliès’ „Le Voyage dans la Lune“, an kubistische Zerlegungen und stellenweise an Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“. Die Anklänge verdichten sich zu einer eigenständigen Bühnensprache, die auch vom tschechischen Dadaismus und vom absurden Theater geprägt ist. Die Mondbewohner leben in einem bizarren Kunstlabor, in dem jeder Gedanke zur Pose wird.

Auch die Kostüme machen die Künstlichkeit dieser Gesellschaft sichtbar. Sie verwandeln die Sängerinnen und Sänger in wandelnde Flächen und Figuren, lassen ihre Körper aber nie ganz hinter der Konstruktion verschwinden. So bleibt unter aller Abstraktion ein Rest menschlicher Eitelkeit erkennbar.

Die Mondwesen reden von reiner Schönheit, vergeistigter Liebe und erhabener Kunst. Sie nähren sich vom Duft der Blumen, während Brouček nach Fleisch und Bier verlangt. Doch hier steht nicht einfach eine höhere Welt einem stumpfen Banausen gegenüber. Auch die Mondgesellschaft ist eitel und in ihren Ritualen gefangen. Ihre Feier des Schönen wirkt ebenso formelhaft wie Broučeks Materialismus. Die Komik entsteht aus zwei Formen von Beschränktheit. Sharon setzt dabei auf präzises Timing. Crispin Lords Bewegungschoreografie, Yi Zhaos Licht und Hannah Wasileskis Videos tragen den trockenen Humor. Die Zeichenfülle droht die Szene bisweilen zu überholen; den Rhythmus verliert die Produktion nicht.

Nach der Pause verändert sich der Abend. Das Haus, eben noch Raumkapsel, kippt und bohrt sich in den Prager Boden. Aus der Reise ins All wird eine Fahrt ins Jahr 1420, mitten in die Hussitenzeit. Broučeks eigene Geschichte erscheint ihm fremder als der Mond. Die flächige Enge weicht einer dunklen, schlammigen Welt mit räumlicher Tiefe. Bausors historisierende Kostüme des 15. Jahrhunderts wirken getragen, verblichen und mit Erde überzogen. Die Vergangenheit ist kein Museum, sondern körperliche Wirklichkeit und verlangt Entscheidungen. Brouček, der nur an Essen und Bier denkt, soll nun Stellung beziehen. Wieder sucht er ein Versteck.

Die Hussiten bilden ein Gegenbild zu Broučeks Feigheit, doch auch ihr Pathos bleibt nicht unangetastet. Janáčeks Satire hat mehrere Ziele. Im Mondteil trifft sie die selbstverliebte Künstlerwelt, im historischen Teil Broučeks Geschichtsvergessenheit und Opportunismus. Zugleich richtet sich die Skepsis gegen jede bequeme Heroisierung nationaler Vergangenheit. Die Inszenierung lässt den Mut der Hussiten gelten, ohne aus ihnen Denkmäler zu machen. Broučeks Versagen wird sichtbar, ohne dass Geschichte zur patriotischen Lehrstunde erstarrt. Ob unter Mondkünstlern oder Prager Kämpfern: Er bleibt derselbe. Nur die Welt verändert sich.

Die Brüche des Abends sind bereits im Werk angelegt. Janáček begann 1908 und rang jahrelang mit wechselnden Librettisten und Fassungen. Den Mondteil vollendete er 1917, dann entstand der Hussitenteil; 1920 wurde die Oper uraufgeführt. Ihre widerspenstige Form ist keine Schwäche, die eine Inszenierung beseitigen muss. Auch musikalisch verweigert Janáček die glatte Verbindung. Kurze Motive, schroffe Akzente, Gesprächsfetzen und lyrische Inseln prallen aufeinander. Robert Jindra verbirgt diese Nähte nicht. Er macht sie hörbar und hält den Abend dennoch zusammen.

Unter Jindras Leitung spielen die Wiener Symphoniker beweglich, scharf gezeichnet und farbenreich. Die knappen Phrasen und unregelmäßigen Sprachrhythmen erhalten klare Konturen. Das Orchester begleitet nicht bloß, sondern reagiert, widerspricht und kommentiert. Immer wieder tauchen Walzerbewegungen auf, geraten ins Stolpern oder kippen aus dem Gleichgewicht. Kurz scheint Behaglichkeit einzukehren, dann setzt Janáček einen Widerhaken. Im zweiten Teil wird der Klang dichter, die Chöre drängen nach vorn, die Geschichte gewinnt Gewicht. Trotzdem verfällt die Aufführung nicht in falsche Monumentalität. Der satirische Grundton bleibt auch in den großen Chorszenen spürbar.

Peter Hoare trägt die exponierte Titelrolle mit bemerkenswerter Präzision. Er macht aus Brouček keinen bloßen Trottel. Brouček reagiert stets gleich, weil jede Veränderung seine sorgsam geordnete Welt bedroht. Hoare zeigt das im misstrauischen Zurückweichen, im Auftrumpfen, sobald keine Gefahr mehr droht, und im beleidigten Blick auf jede Zumutung. Zu viel Karikatur hätte ihn zur Schablone gemacht, zu viel Sympathie die Satire abgeschwächt. Hoare hält beides im Gleichgewicht. Sein Brouček ist lächerlich, aber nicht leer. Man lacht und erkennt den vertrauten Wunsch, eine unbequeme Wahrheit rasch loszuwerden.

Auch stimmlich ist die Partie eine Gratwanderung. Janáčeks eng an der Sprache gebaute Linien lassen wenig Raum für bequemes Aussingen. Hoare formt sie mit klarer Diktion und einem Ton, der sich aufplustert, verengt oder ins Klägliche zurückzieht. Er bleibt über die lange Strecke präsent, ohne zu ermüden. Broučeks Wiederholungen färbt er unterschiedlich: Hinter der Großspurigkeit wird Angst hörbar, hinter der Empörung die Hoffnung, doch noch ungeschoren davonzukommen.

Das vielgestaltige Ensemble hält die zahlreichen Verwandlungen klar auseinander. Mihails Culpajevs, Károly Szemerédy und Tatev Baroyan verleihen ihren verschiedenen Rollen jeweils ein eigenes Profil. Jan Šťáva, Gaja Napast, Jana Kurucová, Svatopluk Sem, Linard Vrielink, Paul Curievici und Lukáš Bařák fügen sich präzise in die groteske Mechanik des Abends ein. Dass dieselben Sängerinnen und Sänger verwandelt wiederkehren, ist mehr als ein Kunstgriff. Brouček begegnet überall Varianten der Menschen, die er bereits kennt, und begreift den Zusammenhang dennoch nicht. Für das Publikum verbinden Stimmen und Körper Gegenwart, Mond und Vergangenheit.

Der Prager Philharmonische Chor unter Lukáš Vasilek prägt den zweiten Teil und lässt Broučeks Kleinheit umso deutlicher hervortreten. Janáček verlangt Klangfülle, Sprachpräzision, abrupte Einsätze und rhythmische Geschlossenheit. Der Chor verbindet Wucht und Präzision. Dass auf Tschechisch gesungen wird, ist musikalisch entscheidend. Janáčeks Melodien sind eng mit dem Rhythmus, dem Klang und den Betonungen der Sprache verbunden. Deutsche und englische Übertitel erleichtern das Verständnis.

Sharon und sein Team versuchen nicht, das sperrige Werk gefällig zu machen. Sie vertrauen seiner Fantasie, seinem trockenen Humor und seinen Brüchen. Einzelne Bilder verlieren sich in der Fülle; nicht jede Idee erschließt sich sofort. Trotzdem zerfällt der Abend nicht. Vor allem nimmt die Inszenierung ihre Komik ernst. Dafür braucht es Disziplin. Sharon lässt die Pointen aus den Situationen entstehen, statt sie vorzuführen. Gerade an der Beweglichkeit des Bühnengeschehens zeigt sich, wie unbeweglich Brouček selbst bleibt.

Am Ende erwacht Brouček und behauptet ungerührt, er habe an der Seite der Hussiten Prag befreit. Er hat nichts verstanden und nichts gelernt. Seine Feigheit verwandelt er nachträglich in eine Heldengeschichte. Darin liegt die letzte, bittere Pointe. Brouček will seine Ruhe, doch die Welt lässt ihn nicht in Ruhe. Er will nichts wissen, wird aber von Kunst, Geschichte und Musik immer wieder zum Hinsehen gezwungen.

Die Bregenzer Aufführung lacht über diese Verweigerung und weckt zugleich jene Neugier, die ihrer Hauptfigur fehlt. Damit wird „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ zu einem Plädoyer für ein Werk, das zu lange als schwer vermittelbare Rarität galt. Broučeks große Reise endet dort, wo sie begonnen hat: im Sessel, beim Bier und sicher vor jeder Erkenntnis.