Eröffnung, die Mut macht

VN-Kommentar von Walter Fink.
Bekanntlich wohnt jedem Anfang, so Hermann Hesse, ein Zauber inne. Das galt sicher für die erste Aufführung im Bregenzer Gondelhafen vor 80 Jahren, das gilt auch heute für die Bregenzer Festspiele, bei denen man schon nach dem ersten Tag gewisse Rückschlüsse ziehen kann, ohne natürlich ein Programm, das man noch nicht gesehen hat, zu bewerten. Aber man kann festhalten, dass die Eröffnung des Festivals geradezu glückhaft verlaufen ist. Eine wunderbare Musikauswahl, selten gute Reden und mit Intendantin Lilli Paasikivi eine Moderatorin, die Freude und Spannung für Künftiges erzeugte. Wie es überhaupt eine gute Entscheidung der neuen Intendantin war, selbst auf die Bühne zu gehen. Bisher saßen die künstlerischen Leiter der Festspiele bei der Eröffnung zwar in der ersten Reihe, hatten aber „nichts zu sagen“, die großen Reden wurden von anderen gehalten. Durch die Übernahme der Moderation, die Paasikivi mit großem Charme über die Rampe brachte, hat die Intendantin eine neue, maßgebliche Rolle.
Klug und geradezu begeisternd auch die Musikauswahl, die von den Wiener Symphonikern, dem Stammorchester seit 80 Jahren, virtuos gebracht wurde. Am Anfang eine Komposition von Herbert Willi, dem international erfolgreichsten Vorarlberger Komponisten, dann natürlich Kostproben der beiden Opern am See und im Haus, um schließlich mit der vielleicht schönsten Liebesarie der Musikgeschichte, dem Liebestrank von Gaetano Donizetti, abzuschließen.
In den Reden, die heuer durch die Bank zu loben sind, wies Festspielpräsident Hans-Peter Metzler – wie es seine Aufgabe ist – auf die seit über einem Jahrzehnt unterdotierte Subventionierung des Festivals hin. Sehr politisch, sehr staatstragend der zuständige Kulturminister Andreas Babler und – wie schon viele Jahre – Bundespräsident Alexander van der Bellen. Babler zur Kunst: „Sie kann Fragen stellen, auch wenn eine Gesellschaft noch keine Antworten geben will. Und manchmal trifft ein Stück den Nerv einer Zeit, noch bevor diese Zeit bereit ist, sich ehrlich zu betrachten.“ Wir erleben es fast täglich. Die Menschen hätten die Beziehung zur Politik verloren, weil sie nicht mehr glaubten, durch ihre Wahl etwas verändern zu können. Eine wahre und tragische Erkenntnis. Van der Bellen beschwor die freie, liberale Demokratie, die wir zu verlieren drohen und um die wir alle kämpfen müssten. „Die freie, liberale Demokratie verlangt Mut, wo es bequemer wäre, wegzusehen.“ Und es sei ihre – damit auch unsere – Aufgabe, die Menschen zusammenzubringen, anstatt sie zu trennen.
So gut diese Eröffnung, so zwiespältig für mich die Premiere am See mit Verdis wunderbarer „La Traviata“, eine Art Kammeroper, die mir auf dieser riesigen Bühne oft falsch platziert erscheint. Hinreißende Stimmen und spielfreudige Wiener Symphoniker können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Inszenierung Fragen hinterlässt. Einmal ganz abgesehen davon, dass sich das ständige Waten im Wasser der Sänger dramaturgisch nicht erschließt und deshalb von der Sache mehr ablenkt als sich auf sie konzentriert. Vielleicht sollte man auf Regen warten und sich die Oper dann im Haus ansehen.