Ein festspielwürdiges Konzert

Kultur / 28.07.2026 • 14:14 Uhr
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Auf dem Programm standen Werke von Kaija Saarjaho und Lili Boulanger sowie Dvořáks 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“.Bregenzer Festspiele / Tatjana Schnalzger

Die Wiener Symphoniker unter Dalia Stasevska begeisterten.

Bregenz Es war ein festspielwürdiger Auftakt, dieses erste Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker am Montagabend. Das Programm versprach selten Gehörtes und einen Klassiker: Raritäten von Kaija Saarjaho und Lili Boulanger im ersten Teil und Dvořáks 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“ im zweiten. Dirigiert wurde der Abend von der phänomenalen Dalia Stasevska, die Sänger und Orchester zu Höchstleistungen motivierte.

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Dirigiert wurde der Abend von der finnisch-ukrainische Dirigentin Dalia Stasevska.Bregenzer Festspiele / Tatjana Schnalzger

Die junge finnisch-ukrainische Dirigentin, die unter anderen vom legendären Jorma Panula ausgebildet wurde und erste Gastdirigentin des BBC-Symphony-Orchestra ist, hinterließ einen überwältigenden Eindruck. Das erste Werk des Abends, „Ciel d’hiver“ der finnischen Komponistin Kaija Saarjaho, geriet unter ihrem Dirigat zu einem bildintensiven filigranen Tongeflecht, vom geheimnisvollen Anfang an mit leise bebenden Streichern, Harfen und Glöckchen, über denen die Piccoloflöte im Dialog mit der Konzertmeisterin erste Melodiefragmente formulierte. Die Komposition ist der Mittelsatz des symphonischen Werks „Orion“, das den mythischen antiken Jäger, der zu einem Sternbild wurde, umkreist. Das auch mit Klavier und Celesta groß besetzte Orchester leitete mit einem dissonanten Akkord einen neuen Abschnitt ein, in dem man fernes bedrohliches Donnergrollen oder Windstöße zu hören meinte. Es entstand ein intensives akustisches Bild einer Winternacht, das sanft endete.

Stimmgewaltige Helena

Ein Ereignis war die Kantate „Faust et Hélène“ der jung verstorbenen französischen Komponistin Lili Boulanger, die mit diesem Werk 1913 mit neunzehn Jahren als erste Frau den Rompreis gewann, gegen ausschließlich männliche Konkurrenz. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, mit welcher Reife und Tiefe dieses musikalische Genie die Episode aus Goethes „Faust II“ gestaltete, in dem Mephisto für den Titelhelden die schönste Frau der Antike aus ihrem Grab heraufbeschwört; die Liebesvereinigung wird jedoch durch die Erscheinung der blutigen Gespenster der Krieger zerstört, die im Trojanischen Krieg wegen Helena ihr Leben lassen mussten. Meisterhaft gestaltet war der Orchesterpart, dessen farbige Instrumentierung an Richard Strauß‘ „Vier letzte Lieder“ denken ließ. Das exzellente Vokalensemble mit der jungen kanadischen Mezzosopranistin Emily d’Angelo als düsterer, stimmgewaltiger Helena, dem englischen Tenor Andrew Staples als liebestrunkenem Faust und Rafael Fingerlos als dämonischem Mephisto verlieh den Figuren intensives Leben. Wie Stasevska feinste rhythmische Nuancen durch ihre Körpersprache vermittelte, wie sie als Energiezentrum das groß besetzte Orchester führte, das wirkte geradezu magisch.

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Als wäre das nicht schon genug, erlebte man nach der Pause eine Interpretation von Dvořáks Neunter, wie man sie noch nie gehört hat. Vom ersten Ton dieses häufig gespielten Werkes an hatte man den Eindruck, wie in einem Schöpfungsprozess die Entstehung eines ganz neuen Werkes mitzuerleben. Stasevska, die mit ihrem langen Pferdeschwanz und der folkloristisch gemusterten Tunika Assoziationen an eine Schamanin erweckte, erschuf tatsächlich eine „Neue Welt“, mit unglaublich präzisen Details und trotzdem großer Linie, mit mitreißender Dramatik, rasanten Tempi und dann wieder zurückgenommenen, verhaltenen Momenten als Ruhepol. Diese Interpretation muss auch für das Orchester ein unerhörtes Erlebnis gewesen sein, alle spielten mit höchster Konzentration und Intensität. Jubelstürme und Standing Ovations am Schluss eines Konzertes, das pures Glück bescherte.

Ulrike Längle