Die Mechanik der Macht

Mit „Rienzi“ stellen sich die Bayreuther Festspiele erstmals einem belasteten Frühwerk Wagners.
bayreuth Mit Richard Wagners „Rienzi” haben die Bayreuther Festspiele zum 150-jährigen Bestehen ein Werk auf den Spielplan gesetzt, das im Festspielhaus bislang nie zu hören war. Wagner betrachtete seine dritte Oper später als Jugendsünde, schimpfte sie einen „Schreihals” und ein „Ungethüm” und verbannte sie aus dem Bayreuther Kanon. Dazu kommt die ideologische Last des Stücks, das für Adolf Hitler eine besondere Bedeutung besaß – auch das machte die Premiere zum Wagnis.

Die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka begegnen dieser Erblast mit einer düsteren Gegenwartsparabel. Das mittelalterliche Rom weicht einer Welt aus Bildschirmen, Wahlprognosen, Tribünen und Treppentürmen. Schwarz, Weiß und wenige rote Akzente schaffen eine beklemmende Stimmung, in der die Bildsprache autoritärer Systeme spürbar wird. Rienzi tritt als populistischer Aufsteiger auf, der über soziale Medien gegen die alten Eliten mobilisiert, Freiheit verspricht und am Ende zum Diktator wird.

Das dauernde Filmen mit Handykameras und die Anspielungen auf moderne Wahlkämpfe bleiben freilich oft bloße Illustration. Am stärksten ist der Abend dort, wo er Verführung, Massenrausch und politische Selbstinszenierung in präzise Bilder übersetzt. Wie der vermeintliche Retter aufsteigt und in Größenwahn, Gewalt und Zerstörung kippt, wird ohne vorschnelle historische Gleichsetzungen nachvollziehbar. So fügt sich die Produktion in ein Festspielwochenende, das klar gegen Rassismus, Geschichtsvergessenheit und autoritäre Versuchungen Stellung bezog.
Theater im Theater
Für eine ironische Volte sorgt das Ballett im zweiten Akt. Statt die Geschichte der Lucrezia zu erzählen, besuchen Rienzi und sein Gefolge kurzerhand die Bayreuther Festspiele. Auf einer improvisierten Bühne treten Figuren aus Wagners späteren Opern auf und tanzen zur Musik des jungen Komponisten. Dieses Spiel im Spiel lüftet den Abend durch und erinnert an ebenjene Werke, die „Rienzi” später aus dem Bayreuther Gedächtnis verdrängten.

Das Grundproblem der Oper lässt sich damit aber nicht wegspielen. Die Handlung um Macht, Liebe, Verrat und Volksaufstand ist verwickelt und zugleich erstaunlich schematisch, die Musik eng an der französischen Grand Opéra und an Giacomo Meyerbeer geschult. Vieles wirkt effektvoll, manches redundant, und nicht jede Kürzung schafft dramaturgische Geschlossenheit. Dennoch vergeht der Abend erstaunlich rasch, weil auf der Bühne pausenlos Bewegung herrscht und die musikalische Energie kaum abreißt.

Andreas Schager gibt den Rienzi mit kämpferischer Wucht. Im Forte überstrahlt er beinahe die großen Chorszenen, während die leiseren Passagen weniger stabil geraten und mitunter an Sicherheit verlieren. Als Adriano hält Jennifer Holloway mit dramatischer Entschlossenheit dagegen. Gabriela Scherer findet als Irene in ihrer Schlussszene zu vokaler Leuchtkraft, Michael Nagy setzt als Orsini einen markanten Akzent.

Entscheidenden Anteil am Gelingen hat Nathalie Stutzmann. Sie ordnet die ausladende Partitur mit Übersicht, spannt lange Linien und wahrt selbst in den Massenszenen die Klarheit. Unter ihrer Leitung gewinnt das Orchester an Geschlossenheit und Kraft, während der stark geforderte Chor die berühmte Präzision noch nicht durchgängig erreicht. Am Ende überwog gleichwohl der Beifall deutlich. Zum verkannten Meisterwerk macht die Bayreuther Erstaufführung „Rienzi” allerdings nicht, doch sie zeigt an diesem langen Abend, dass sich das problematische Frühwerk mit politischer Wachheit, musikalischer Sorgfalt und kritischer Distanz produktiv auf die Bühne bringen lässt.