Mehr als ein Kriminalroman

Kultur / 30.07.2026 • 13:25 Uhr
Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt?, Berlin Verlag, 304 Seiten
Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt?, Berlin Verlag, 304 Seiten Clarissa Berner

In Helmut Kraussers Roman „Wer hat uns je geliebt?“ wird Berlin zur Bühne des Rätselhaften

Schwarzach „Wer hat uns je geliebt?“ heißt der neue Roman von Helmut Krausser. Der Schriftsteller, Dichter, Dramatiker und Komponist ist aus der deutschsprachigen Literaturszene längst nicht mehr wegzudenken. Seit 1989 veröffentlicht Krausser regelmäßig Romane, Hörspiele und Bühnenwerke, womit er auch international Anerkennung erlangte. Zudem wurden seine Romane „Der große Bagarozy“, „Fette Welt“ sowie „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ verfilmt. Mit „Wer hat uns je geliebt?“ legt Krausser nun einen Kriminalroman vor, der klassische Genregrenzen hinter sich lässt und mit einer außergewöhnlichen Geschichte überrascht.

Literarisches Wimmelbild

Mit hohem Erzähltempo führt Krausser den Leser in die Welt seiner Figuren ein. Dabei bedient sich der Autor in „Wer hat uns je geliebt?“ bewusst keiner lineare Erzählweise. Im Gegenteil: Die vielen verschiedenen Lebensgeschichten der Figuren prasseln auf den Leser nur so ein. Zunächst scheinen diese unabhängig voneinander zu verlaufen, doch verweben sich die einzelnen Handlungsstränge immer enger miteinander und bilden so gemeinsam das große Ganze. Es entsteht ein spannendes literarisches Wimmelbild rund um das pulsierende Berlin.

Der mysteriöse Stammgast

So schnell Krausser seine Leser durch die Geschichte führt, mit so viel Krach beginnt sie. Ein Toter in der Berliner Kneipe „Belmont“. Augenzeugen berichten, sein Kopf sei explodiert, während er mit dem Stammgast Enki Backgammon spielte. Bei dem Toten soll es sich um Werner P. handeln. Gründe hatte Werner genug, um seine Sorgen im „Belmont“ zu ertränken, denn der Mann befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer existenziellen Krise: Seine Frau Maria D. hat ihn verlassen, er hat seinen Job als Lichttechniker an einem Theater verloren und trinkt nach drei trockenen Jahren wieder.

Schnell gerät Enki ins Visier der Ermittler. Kriminalhauptkommissarin Lucia Lill betritt die Bühne. Sie übernimmt die Vernehmung des Mannes, doch diese verläuft mehr als eigenartig: Der Stammgast kann weder seinen Beruf nennen noch erklären, wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet oder Miete bezahlt. Zudem besitzt er keine Papiere, verfügt über keine Zusatzversicherung und ist den Behörden völlig unbekannt. Schließlich kann ihm keine Schuld nachgewiesen werden.

Immer mehr rätselhafte Dinge geschehen. Der Fall lässt Lucia keine Ruhe. Viele Fragen kreisen durch ihren Kopf: Wie konnte Werners Kopf explodieren? Und wer steckt wirklich hinter Enki? Auf eigene Initiative beschließt sie, Enki ausfindig zu machen und zu observieren. Gelingt Lucia der entscheidende Durchbruch?

Voller Überraschungen

Helmut Krausser beherrscht sein Handwerk und führt mit großer Leichtigkeit durch seinen Roman. Nicht nur sein zynischer Humor zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, auch die Spannung bleibt durchgehend auf hohem Niveau. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob die mysteriösen Geschehnisse realen Ursprungs sind oder ob doch eine höhere Macht ihre Finger im Spiel hat. Voller Überraschungen, packend, rätselhaft und unglaublich humorvoll – eine klare Leseempfehlung!

Clarissa Berner